Es ist Nacht, tiefer Winter, ein Wald. Der Schnee liegt in leuchtenden Farbfeldern, vom linken unteren Bildrand führt ein Weg ins Bildinnere, und auf diesem Weg schreitet ein Wolf mit eingezogenem Schwanz voran. Rechts oben steht ein Stern, dessen Lichtstrahl den Himmel in dichte farbige Streifen teilt. Blau, Rot, Braun und Grün bestimmen die Szene – keine dieser Farben entspricht der Natur. Genau darin liegt der Sinn des Bildes.
Francesca Liva, Kunstvermittlerin in der Albertina, hat sich für dieses Werk entschieden: „Nächtlicher Herumtreiber“ von Marianne von Werefkin, gemalt am Anfang des 20. Jahrhunderts. Wer die Szene lesen will, muss ein paar Jahrzehnte zurückgehen.
Werefkin, 1860 im russischen Tula geboren, wuchs in einer gebildeten Adelsfamilie auf. Die Mutter malte selbst und ermöglichte der Tochter Zeichenunterricht, das Talent zeigte sich sofort. Die Kunstakademie stand Frauen damals nicht offen, also unterrichtete sie der Realist und Impressionist Ilja Repin privat. In dieser ersten Phase malte sie realistische Porträts, so überzeugend, dass man sie den russischen Rembrandt nannte.
1892 lernte sie den Offizier Alexej von Jawlensky kennen, dem man empfohlen hatte, die Ölmalerei ausgerechnet bei ihr zu erlernen. Aus dem Unterricht wurde eine Liebes- und Arbeitsbeziehung, die 27 Jahre halten sollte. 1896 zog das Paar nach München, die Wohnung wurde zum Treffpunkt von Kandinsky, Franz Marc und Paul Klee. Werefkin stellte ihre eigene Karriere zurück und förderte zehn Jahre lang ausschließlich die Kunst ihres Partners.
„Damit er nicht als Künstler eifersüchtig sein sollte, verbarg ich vor ihm meine Kunst.“
Erst 1906 nahm sie das eigene Malen wieder auf, und zwar anders als zuvor: Der Naturalismus verschwand, Farbe und Form bekamen expressive Kraft. Liva verweist auf ein selten beachtetes Detail dieser Biografie – viel früher als Kandinsky habe sich Werefkin mit der psychischen Wirkung der Farben und ihrem Verhältnis zur Form beschäftigt und ihre Überlegungen sogar aufgeschrieben. Veröffentlichen konnte sie sie nie. Kandinsky schon.
1914 zwang der Erste Weltkrieg beide, Deutschland zu verlassen; 1918 zogen sie nach Ascona in der italienischen Schweiz. 1921 entschied sich Jawlensky für Wiesbaden, nach 27 Jahren trennten sich die beiden. In diese Zeit gehört der Wolf im Schnee. Für Liva ist das Bild nichts anderes als ein Selbstporträt: ein verunsichertes Tier, allein im Wald, mit Angst davor, einen neuen Weg einzuschlagen – wie die Künstlerin nach der Trennung. Der Stern beleuchtet diesen Weg. Sicher ist er nicht, aber es gibt Hoffnung.
Werefkin blieb bis zu ihrem Lebensende in Ascona, baute dort ein Gemeindemuseum auf und begründete die Künstler:innengruppe „Der Große Bär“ mit. Die Legende will, dass man sie zuletzt die Nonna von Ascona nannte. Eine Malerin, die ihre Kunst ein Jahrzehnt lang versteckt hatte, wird am Ende zur Instanz eines ganzen Ortes.
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