Auf der einen Seite des Raumes bleibt das Wasser Oberfläche: Claude Monets Seerosenteich, entstanden um 1900, ein Spiel aus Licht, Spiegelung und aufgelösten Formen. Auf der anderen Seite geht es hinunter. Gustav Klimts Nixen (Silberfische) zieht den Blick unter die Wasserlinie, in ein grünes Dunkel, durch das ein knappes Dutzend Fische zischt. Zwei Frauenfiguren treiben darin, halb Körper, halb Ornament.
Roderick Martin, Kunstvermittler in der Albertina und in der Albertina Modern, führt durch jenen Raum der Schausammlung Monet bis Picasso, der dem französischen Impressionismus gewidmet ist und ihm gegenüberstellt, was zur selben Zeit in Wien geschah. Klimts um 1899 entstandenes Bild hängt dort als Gegenstück zu Monet: dieselbe Wasserthematik, entgegengesetzte Richtung.
Was Martin an dem Werk zeigt, ist ein Kontrast, der für Klimt typisch ist. Die beiden erotisch konnotierten, symbolistisch aufgeladenen Frauengestalten sind von einer Ornamentik umgeben, die Martin mit einem Pelz oder einem Teppich vergleicht – ihn erinnere das Kleid der Nixen „fast schon an ein Federkleid von Perlhühnern“. Die Gesichter dagegen sind aus ganz feinen Linien gebaut, gemalt und doch beinahe gezeichnet. Und dazwischen die Silberfische, flüchtig vorbeischießend, die sich, so Martin, in das Bild „hineingraben“.
Das Werk stammt aus der Zeit vor Klimts goldener Phase mit dem Kuss und dem Beethovenfries, aber nach dem Auftrag der Universität Wien für die Fakultätsbilder: Allegorien auf Medizin, Jurisprudenz und Philosophie, die um die Jahrhundertwende einen Kunstskandal auslösten. Zeitgenossen empfanden sie als pornografisch, manche fast als blasphemisch. Klimt kaufte die Bilder zurück und stellte sie der Universität nicht zur Verfügung. Im Zweiten Weltkrieg verbrannten sie in einem niederösterreichischen Schloss. Erhalten sind Schwarz-Weiß-Fotografien und Skizzen, von denen sich einige in der grafischen Sammlung der Albertina befinden.
Genau hier bekommt das Bild der Nixen eine neue Rolle. Ein Team aus Klimt-Fachleuten hat gemeinsam mit einem US-amerikanischen Technologiekonzern und mithilfe künstlicher Intelligenz rekonstruiert, welche Farben Klimt für die Fakultätsbilder verwendet haben dürfte – das Projekt von Google Arts & Culture entstand mit dem Belvedere-Kurator Franz Smola und wurde 2021 veröffentlicht. Zentral dafür wurden vorhandene Werke wie die Nixen: Der grüne Hintergrundton mit seinen Goldnuancen findet sich laut Martin dominant auch in der verlorenen Philosophie wieder. Klimt, vermutet er, hätte es gefallen, dass über hundert Jahre nach der Entstehung noch an seinen Bildern getüftelt und über sie spekuliert wird.
Gefallen hätte ihm wohl auch die Nachbarschaft im Ausstellungsraum, zwischen Monet, Paul Cézanne und Pierre-Auguste Renoir. Er war es, der mit der Secession internationale Kunst nach Wien holte, um die Szene aus einem Historismus zu lösen, der nur rückwärtsblickte. Ein Bild, das unter die Oberfläche taucht, passt zu diesem Programm besser als jedes Manifest.
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