Die Wand im ersten Raum ist orange, weil Orange Viktor Frankls Lieblingsfarbe war. Darauf hängen Tafeln, auf denen keine Erklärungen stehen, sondern Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Was ist der letzte Sinn? Kann auch im Leiden ein Sinn liegen? Wer will, dreht die Tafeln um und findet dahinter Frankls Antworten. Barbara Stöckl, Journalistin und ORF-Moderatorin, hat sich für ihren Museumsbesuch dieses Haus in der Mariannengasse ausgesucht: keine große Sammlung, keine lange Tradition, dafür ein Ort, der für sie inhaltlich sehr stark ist.
Naheliegender wäre das Technische Museum gewesen – Stöckl hat technische Mathematik studiert –, aber akustisch war das schwierig. Frankl, Neurologe, Psychiater und Philosoph, hatte die Logotherapie schon in den späten 1920er-Jahren begründet, lange vor seiner Deportation. Ein Mensch, sagt Stöckl, der die Konzentrationslager überlebt und seine Liebsten verloren hat und danach trotzdem zu diesem Trotzdem-Ja-zum-Leben-Sagen kommt. Seinen Bericht darüber hat sie oft gelesen und nimmt ihn in Zeiten mit einem Überangebot an Krisen wieder zur Hand. Ein positives Buch? Es beschreibe zuerst einmal viel Grauenvolles, sagt sie.
Was bleibt, ist ein Angebot, kein Rezept: Wo sich die Verhältnisse nicht ändern lassen, kann man den eigenen Blick auf Menschen und Ereignisse ändern. Ihr Lieblingssatz von Frankl lautet: „Man muss sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen.“ Dass manche solche Thesen für naiv, andere für zynisch halten, kennt sie.
„Das ist, glaube ich, so ein Falschglaube, dass das der rosa Zuckerguss im Leben ist. Wenn man das wirklich einmal in aller Konsequenz tut, dann merkt man erst, wie emotional und intellektuell anspruchsvoll es ist.“
„Warum gerade ich?“ ist die falsche Frage
Im nächsten Raum stecken Fragen und Themen in Setzkästen, die man öffnen kann. Stöckl geht zu der Wand über das Leid, weil sie gerade nah an leidenden Menschen ist: Ihre Patentante hat einen schweren Schlaganfall erlitten und kann sich nicht mehr bewegen, nicht mehr sprechen. Genau solche Situationen meint Frankl, überlegt sie – wie soll man da noch einen Sinn erkennen, die Kranke selbst und ihre Angehörigen? Im Kasten steht seine Antwort: „Warum gerade ich?“ sei die falsche Frage, jede Leidsituation ein Appell zu fragen, wozu das Leid herausfordert. Widersprechen mag sie ihm nicht, am allerwenigsten ihm, der durchlebt hat, was er durchlebt hat. Anmaßend fände sie es umgekehrt, von außen über den Sinn eines fremden Lebens zu urteilen; die Entscheidung am Lebensende gehöre den Menschen selbst.
Und doch habe nicht jeder dieselben Möglichkeiten: ein Teil genetische Disposition, ein Teil Charakter. Gestaltbar sei immer etwas, nur nicht bei allen gleich viel. Was sagt man jemandem, der in der Ukraine friert, oder Menschen, die übers Mittelmeer fahren? Nichts, findet sie. Das Gute an Frankl und an diesem Haus sei gerade, dass es keine fertigen Antworten liefert, sondern Fragen stellt, so wie das Leben.
Hinter einem Knopf sind ein Feld und eine volle Scheune zu sehen: die Ernte des Lebens. Stöckl fällt dazu ein Gespräch zwischen Frankl und Reinhold Messner ein. Messner habe bedauert, keine Achttausender mehr zu besteigen, und Frankl habe ihn fast fassungslos angeschaut: „Ja, aber Sie waren doch oben.“ Die Vergangenheit als Schatzkiste, aus der sich schöpfen lässt, wenn es schwierig wird; in den Lockdowns habe sie gehofft, dass alte Menschen genug Erinnerungen haben.
Ein Museum fast ohne Objekte, nur mit Sprache, bis auf eine Vitrine: der Kassettenrekorder, mit dem Frankl Vorträge aufnahm, sein Lodenhut vom Wandern, Erde aus Theresienstadt, das Türschild aus der Wohnung nebenan, in der er bis zu seinem Tod 1997 lebte. Zwischen den Räumen führt ein verspiegelter Torbogen hindurch. Darauf steht: Wenn ich das nur für mich tue, wer bin ich dann? Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht ich?
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