Am Wiener Gürtel geht man in ein Wohnhaus hinein, steigt in den ersten Stock, und dort ist es: das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, zwei Räume, sehr unscheinbar. An diesem Vormittag steht darin eine Dragqueen in silbernem Kleid, rosa High Heels, mit einer Blume im Haar und einem Halsband, auf dem groß „Candy“ steht – mit Absätzen an die zwei Meter. Zwei bis drei Stunden dauert das Make-up, das sie selbst macht; beigebracht hat es ihr ihre Drag-Mutter, den Rest das Üben – so wie beim Gitarrespielen.
Candy Licious, Dragqueen, Sexualpädagog:in und Aktivist:in, hat dieses Haus selbst ausgesucht. Weil sie lange nicht mehr da war. Weil sie eine Ausbildung in Sexualpädagogik hat. Und weil ihr, seit sie in vollem Drag Kinderbuchlesungen hält, von rechter Seite Sexualisierung vorgeworfen wird – von Menschen, die nicht wüssten, was das Wort bedeutet. Sexualisierung sei etwas anderes: jahrzehntelang Werbung, in der für Hautcreme immer dieselbe dünne Frau im Bikini steht und sonst niemand. Dazu die politische Lage rund um Abtreibung und Frauenbewegung, in der sich gerade wieder etwas ins Negative drehe. Nur kennen es viel zu wenige.
Ihr Lieblingsobjekt ist das Bidet. Eines steht im Elternhaus – für sie immer eine Miniaturbadewanne für die Hygiene; dass es einmal der Verhütung dienen sollte, hat sie erst hier erfahren. Besonders gut funktioniert hat es nicht, geblieben ist es trotzdem – bis heute in Badezimmern von Leuten, die seinen Ursprung nicht kennen. Daneben Kondome aus Schafdarm und Fischhaut, Spiralen in allen Formen, die aussehen wie kleine Tierchen, fast wie im Naturhistorischen Museum, und das Femidom, das kaum jemand kennt. In ihren Schulworkshops für die Aids Hilfe zeigt sie es jedes Mal her. Bei der Pille kommt sie auf die Prä- und die Post-Expositionsprophylaxe zu sprechen: Medikamente, die vor einer HIV-Ansteckung schützen, nicht aber vor anderen Geschlechtskrankheiten; in vielen Ländern zahlt sie die Krankenkasse, in Österreich nicht.
Verkleiden ist etwas anderes
Ob Drag mit Sexualität zu tun habe? Nein. Sexualität sei etwas Persönliches. Ein Song könne von Sex handeln, müsse aber nicht – und Drag ebenso wenig. Worum es geht, ist das Spiel mit dem, was die Gesellschaft für weiblich hält – Make-up, lange Haare – und das Aufbrechen genau dieser Rollen. Mit Verkleidung hat das für sie wenig zu tun: Verkleiden trage immer einen Lächerlichkeitsaspekt in sich, Drag dagegen sei politische Kunst. Kleid, Perücke, Federkostüm sind ihr Arbeitsoutfit. Als Candy verwendet sie weibliche Pronomen, definiert sich selbst aber als queer.
„Ich fühle mich dann nicht als Frau. Ich fühle mich als Candy, als Kunst.“
Anders fühlt es sich trotzdem an. In High Heels geht man anders, mit Perücke passt man auf, wo man durchgeht, und vor negativen Erfahrungen steht so etwas wie eine kleine Glaswand. Aufgewachsen ist sie auf dem Land in der Steiermark, in einem Elternhaus, in dem über Sexualität nicht gesprochen wurde; Verhütung kam im Biologieunterricht vor, über sexuelle Gesundheit erfuhr sie so gut wie nichts. Genau davon handeln heute ihre Workshops. In Firmen hält sie Vorträge über queere Geschichte – etwa über Erzherzog Ludwig Viktor, einen Bruder von Kaiser Franz Joseph, der in Wien gern Roben trug und seine Homosexualität offen lebte: für sie die erste Dragqueen Österreichs.
Im zweiten Raum bleibt sie beim Froschtest stehen und liest die Tafel vor: ab den 1940er-Jahren weltweit verbreitet, einfach und verlässlich, Mitte der 1960er von modernen Schwangerschaftstests abgelöst. Dass dafür Frösche aus Südafrika in alle Welt verschickt wurden, bis sie knapp wurden, steht ebenfalls dort. Mitgebracht hat Candy zum Schluss ein Zitat von RuPaul: We’re all born naked and the rest is drag. Alles danach sei Entscheidung: wie man sich anzieht, was man betonen will und was nicht. Insofern, sagt sie, sind wir alle Drag.
IM MUSEUM


