Objekte
May 10, 2021
|
MUVS

Kondome aus Schafsdarm und Fischblase: Verhütungsgeschichte im MUVS in Wien

Geprüft, gewaschen, mit Vaseline eingerieben und wieder verwendet: Ein Kondom aus Schafsdarm war ein wertvolles Gut – gehandelt beim Friseur. Ein solches Stück zeigt das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch.

Kondome aus Schafsdarm und Fischblase: Verhütungsgeschichte im MUVS in Wien
Bild: MUVS

Nach dem Gebrauch wurde es mit Wasser auf Dichtheit geprüft, gewaschen, getrocknet und mit Vaseline eingerieben: Vor dem Latex war das der normale Umgang mit einem Kondom. Ein Stück aus dem Blinddarm eines Schafes war zu wertvoll, um es wegzuwerfen.

Christian Fiala, Arzt und Gründer des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, zählt das Kondom zu den ältesten Verhütungsmitteln überhaupt. Dass Geschlechtsverkehr zu einer Schwangerschaft führen kann, war lange bekannt; ebenso, dass sich das verhindern lässt, wenn der Samenerguss nicht in der Scheide bleibt. Gesucht wurde also ein Material, das diese Trennung leistet, und gesucht wurde in der Natur.

Zwei Lösungen setzten sich durch. Die eine war der Blinddarm des Schafes. Anders als beim Menschen sitzt an seinem Ende kein Wurmfortsatz, er ist ein geschlossener Sack. Bei einem Tier von etwa drei Monaten hat er ungefähr die Größe eines erigierten Penis. Jedes Schaf hat nur einen davon, und geschlachtet werden musste es auch: Aufwand und Preis waren entsprechend.

Deshalb wurde jedes Exemplar wiederverwendet. Nach der Dichtheitsprüfung kam es aufs Trockengestell – ein Münchner Versandhaus führte solche Gestelle noch 1936 in seinem Katalog –, dann wurde es mit Vaseline geschmeidig gemacht und aufgerollt. Hatte die Hülle ein Leck, wurde sie von innen beklebt, ähnlich wie ein Fahrradreifen. Damit war sie ein Kondom zweiter Klasse: billiger als die dichte erste Klasse, aber nur noch begrenzt brauchbar, weil ein Leck mit der Zeit größer wird und nicht kleiner. Ein Wegwerfartikel war das Kondom also nicht, sondern ein Gegenstand mit Wartungsgeschichte.

Der Friseur als Umschlagplatz

Verkauft wurden Kondome häufig beim Friseur. Männer kamen regelmäßig, saßen beieinander und redeten – über Frauen, über Sex, über alles Mögliche. Fiala beschreibt den Salon als eine Art Psychotherapie unter Männern. Wer sich die Haare schneiden ließ, deckte sich gleich mit ein.

Die zweite Lösung war die Fischblase. Fische stabilisieren sich mit zwei Luftblasen im Wasser; bei einem entsprechend großen Tier hat eine davon wieder die passende Größe. Welche Art und welches Alter dafür taugten, ist allerdings nicht überliefert.

„Dieses Wissen ist verloren gegangen. Wir haben intensiv recherchiert, aber leider nichts gefunden.“

Also probierte es das Museum selbst, mit Fischen vom Wiener Fischmarkt und einem Tierpräparator, der sich dafür interessierte. Trennt man die Häute der Blase voneinander, bleibt eine sehr dünne Hülle. Sie riecht nach Fisch. In einer Zeit ohne die Hygiene und die Waschgewohnheiten von heute dürfte das kaum aufgefallen sein.

Beendet hat diese Ära der Gummi. Wer einen Gummibaum zu Hause hat, kennt die klebrige, milchige Flüssigkeit, die aus einem abgebrochenen Blatt tritt. Charles Goodyear investierte sein Vermögen und das seiner Familie in die Frage, was sich mit dem klebrigen Saft des Gummibaums anfangen ließe, und stieß zufällig auf die Vulkanisierung: Unter Hitze und Schwefel verändert Latex seinen Charakter. Bis daraus ein Kondom wurde, das dünn und dehnbar ist, verging noch viel Zeit. Dann verschwanden Schafsdarm und Fischblase.

Ganz verschwunden sind sie nicht. Schafsdarmkondome lassen sich außerhalb der EU weiter kaufen; hier sind sie als Kondom nicht zugelassen, weil sie die geltenden Qualitätskriterien nicht erfüllen. Und auch das Latexkondom ist geblieben, was seine Vorgänger waren: ein Naturprodukt, gewonnen aus einem Baum.