Eine Nachttischuhr mit römischen Ziffern, das Gold matt und stellenweise abgeblättert, Stilstufe Urgroßmutter. Bei einer Erbteilung wäre sie das Stück, das übrig bleibt, weil es niemand haben will. Vielleicht fände ein Teenager sie kurz cool, gerade weil sie so mitgenommen aussieht. Wer sie mitnähme, nähme ein Stück Feinmechanik mit, das sein Wissen sorgfältig versteckt.
Christian Fiala, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, hat das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch gemeinsam mit Kolleg:innen gegründet und leitet es seither. Das Haus dokumentiert, wie Menschen gelernt haben, die natürliche Zahl von etwa 15 Schwangerschaften im Leben einer Frau auf die individuell gewünschte Kinderzahl zu senken. Fiala hält das nicht für eine medizinische Fußnote.
Das war eine unglaubliche kulturelle Leistung, die Zähmung der Fruchtbarkeit, durchaus vergleichbar mit der Zähmung des Feuers.
Die unscheinbare Uhr gehört in diese Geschichte. Sie leistete vor über 60 Jahren, was heute Verhütungs-Apps leisten: Sie zeigte an, wann im Zyklus einer Frau die fruchtbaren und wann die unfruchtbaren Tage liegen. Diskretion war dabei Teil der Konstruktion, denn zur damaligen Zeit sollte nicht jeder sofort erkennen, worum es sich handelt. Wer auf das Zifferblatt schaut, bemerkt im Hintergrund höchstens bei sehr genauem Hinsehen eine Einteilung in 28 oder 30 Tage. Dass die Uhr aussieht wie jede andere Nachttischuhr, war deshalb kein Gestaltungsmangel, sondern der eigentliche Zweck.
Erst wenn der Deckel nach oben geklappt wird, kommt der gesamte Zyklus zum Vorschein, dazu Zeiger für den zu erwartenden Eisprung und für die fruchtbaren Tage. Wer ein Kind wollte, richtete sich nach diesen Tagen; wer eine Schwangerschaft vermeiden wollte, mied sie und die Tage davor.
Auf der Rückseite sitzt ein entsprechend kompliziertes Stellwerk. Eingestellt werden dort nicht nur die Uhrzeit und der Weckalarm – als gewöhnlicher Wecker ließ sich das Gerät ebenfalls verwenden –, sondern auch die Zykluslänge und der Eisprung. Alles daran ist Mechanik, gebaut zu einer Zeit, in der Elektronik für so etwas nicht zur Verfügung stand. Fiala sieht darin zwei Leistungen auf einmal: das Wissen über den Zyklus und das Handwerk, das dieses Wissen in ein Uhrwerk übersetzt.
Gebaut wurde die Uhr in der Schweiz, unter dem Namen Gynodate. Teuer war sie damals, entsprechend selten ist sie heute; nur wenige Exemplare haben sich erhalten, und das Museum konnte eines davon erwerben. Wer selbst eines sucht, wird allenfalls bei spezialisierten Versteigerungen fündig. Was das Objekt vorführt, ist weniger technische Nostalgie als eine Frage der Verhältnisse: Wissen über den eigenen Körper musste sich hinter einem Weckerzifferblatt verstecken, um überhaupt auf einem Nachtkästchen stehen zu dürfen.
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