Objekte
January 5, 2022
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Circus- & Clownmuseum

Kopfüber ins Glas Wasser: das Clownkostüm von Jango Edwards im Circus- & Clownmuseum

Ein weißes Tangahöschen mit Glitzerstern, Flügelchen, Badehaube: Andreas Swatosch zeigt im Circus- & Clownmuseum das Kostüm, in dem Jango Edwards kopfüber in ein Glas Wasser sprang.

Kopfüber ins Glas Wasser: das Clownkostüm von Jango Edwards im Circus- & Clownmuseum
Foto: Rob Bogaerts / Anefo, CC0, via Wikimedia Commons

Im Erdgeschoß eines Wohnhauses in der Leopoldstadt kleben Zirkusbilder in den Schaufenstern: eine Artistin am Pferd, ein Tiger, der durch einen Reifen springt. Dahinter liegt ein labyrinthartiges Museum aus leuchtenden Vitrinen, Plakaten, Fotos, Zauberutensilien und Kostümen. In einem der Räume steht eine Schaufensterpuppe, als Clown geschminkt, und trägt fast nichts: ein weißes Tangahöschen mit glitzerndem Stern, links und rechts zwei Flügelchen, die von einer Badeente stammen könnten, dazu weiße Hosenträger mit blau glitzernden Sternen und eine gold-silbern glitzernde Badehaube.

Es ist Badekleidung, und sie war für einen lebensgefährlichen Auftritt gedacht. Andreas Swatosch, Kustos im Circus- & Clownmuseum, zeigt sie im zweiten Raum des Hauses, dem Raum der Clowns. Das Museum gehört zu den Wiener Bezirks- und Sondermuseen und sammelt auf kleinem Raum, was vom Zirkus und seinen Spaßmachern bleibt. Getragen hat dieses Höschen Jango Edwards (1950–2023), ein Clown, den manche aus der ORF-Comedyreihe „Tohuwabohu“ kennen, in der er mit Bierdosen herumwirbelte, und andere von den Clown-Festivals, die in den frühen 1980er-Jahren auf der Jesuitenwiese beim Prater stattfanden.

Der Sprung geht so: Edwards öffnet auf der Bühne eine Flasche Wasser, schüttet sie in einen Plastikbecher, stellt den Becher in die Bühnenmitte, steigt auf einen Sessel – und stürzt sich mit dem Kopf voraus hinunter. Was dann passiert, dauert zwei, drei Sekunden: ein Handstand auf dem Becher, der Kopf kurz nach unten, der Becher zerdrückt, ein Überschlag. Der todesverachtende Sprung in das Glas Wasser ist vollendet.

Die Nummer aber dauert sechs, sieben, acht, mitunter neun Minuten. Aufbau, Dramaturgie, Trommelwirbel, Gags dazwischen, Interaktion mit dem Publikum: Genau darin liege die Kunst, sagt Swatosch – aus fast nichts etwas Großes zu machen.

Edwards, in den frühen 1970er-Jahren einer der Begründer der Nouveau-Clown-Bewegung, wollte die Clowns aus der verstaubten Manege holen: weg mit der roten Nase, raus aus dem Zelt, ins Theater, auf die Straße, zu den Leuten – zeitgleich mit der Hippie-Bewegung und ihrem Freiheitsversprechen. Clowns seien mehr oder weniger Gesetzlose, zitiert Swatosch ihn, mit der Verpflichtung, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten und zu sagen, was wahr ist. Sie erfinden nichts, sie beobachten, wie Menschen sich verhalten. Der Clown nimmt das auf, überzeichnet es und spielt es zurück. Wer darüber lacht, lacht über sich selbst.

Von London aus wuchs die Bewegung, 1975 stellte Edwards in Amsterdam das Festival of Fools auf die Beine, das bis 1984 Treffpunkt der alternativen Clownszene blieb, und über Europa schwappte sie bis auf die Wiener Jesuitenwiese. Seine letzten Jahrzehnte verbrachte Edwards in Barcelona, wo er das Nouveau Clown Institute gründete, Regie führte, schrieb und junge Artist:innen unterrichtete. Nach Wien kam er weiterhin, für Regiearbeiten und Auftritte im Museum – zuletzt im Februar 2023, ein halbes Jahr vor seinem Tod; große Teile seines Amsterdamer Archivs lagern inzwischen in den Archivräumen des Hauses. Bleibt die Frage, was ein Publikum eigentlich sieht, wenn es einem Mann im Badehöschen neun Minuten lang dabei zuschaut, wie er einen Plastikbecher zerdrückt.