Am Samstag hing es noch über den Köpfen der Demonstrierenden, am Montag darauf lag es im Museum: ein weißes Schild mit der Aufschrift „Mein Blut ist“ und drei Kästchen zum Ankreuzen – schwul, hetero, lebensrettend. Das dritte Wort ist dick und rot ausgeführt, damit niemand die Pointe übersieht. Gesammelt wurde es bei der Pride im Juni in Wien, heute hängt es an einer Wand in der Neuen Burg am Heldenplatz, ein paar Meter von der Stelle entfernt, an der es getragen wurde.
Monika Sommer, Direktorin des Hauses der Geschichte Österreich, steht vor dieser Wand und erklärt, warum es sie gibt. Das Museum eröffnete im November 2018, und schon in der Eröffnungsausstellung war eine Fläche eingeplant, die für die Zukunft offen bleiben sollte.
„Wir wollen ganz nah am Puls der Zeit sammeln und diese Objekte, die wir der unmittelbaren Gegenwart entreißen, gleich ins Museum bringen.“
Die Methode dahinter heißt Rapid Response Collecting und wurde in Großbritannien entwickelt. Museen reagieren damit unmittelbar auf Entwicklungen der Gegenwart, statt wie früher zwanzig oder dreißig Jahre verstreichen zu lassen und erst dann zu entscheiden, ob ein Ereignis sammlungswürdig ist. Praktisch heißt das: Kolleginnen und Kollegen gehen mit Formularen ausgestattet auf den Platz, mischen sich unter die Demonstrierenden, halten Ausschau nach kulturhistorisch interessanten Objekten und sprechen die Aktivistinnen und Aktivisten an. Manchmal dürfen sie ein Schild gleich mitnehmen, dann wird die Schenkungserklärung an Ort und Stelle unterschrieben. Meist kommt das Objekt zwei, drei Tage oder eine Woche später ins Haus.
Dass das funktioniert, liegt an der Adresse. Der Heldenplatz ist nicht irgendein Platz, sondern der zentrale Platz der Republik, mit all seinen historischen Belastungen und einer Vorgeschichte bis ins 19. Jahrhundert – und er ist, wie Sommer sagt, zum Platz der Zivilgesellschaft geworden. Fridays for Future nahm in Österreich hier seinen Ausgangspunkt, und die meisten Objekte an der Wand stammen aus dieser Bewegung. Daneben hängt ein Schild mit der Aufschrift „The climate is hotter than my boyfriend“, dazu kommen Stücke von der Black-Lives-Matter-Demonstration, die trotz Corona stattfand, vom Protest gegen die Femizide des Jahres und von den Corona-Protesten direkt vor dem Haus. Bei den Corona-Objekten ging das Museum über den Heldenplatz hinaus und lud die Bevölkerung ein, Dinge zu übergeben.
So entsteht eine Sammlung, die noch keine historische Distanz hat: Kartonschilder, Farbe, Filzstift, Material, das nicht für die Ewigkeit gemacht ist. Die einen gehen demonstrieren, die anderen sammeln ein, was übrig bleibt. Wer heute vor der Wand steht, sieht nicht, was von einer Zeit geblieben ist, sondern was ein Museum ihr gerade eben abgenommen hat – und muss selbst entscheiden, welche dieser Debatten in dreißig Jahren noch verstanden wird.
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