Ausstellungen
September 21, 2023
|
Brotfabrik Wien

Mit Kopfhörern durch die Brotfabrik: was das Areal über Ankerbrot verschweigt

Ein Artwalk führt mit Kopfhörern über das Areal der ehemaligen Ankerbrotfabrik. Journalistin Jana Mack hat dort recherchiert – und ist auf einen Fanklub der Brotfabrik gestoßen und auf eine Geschichte, die vor Ort nirgends steht.

Mit Kopfhörern durch die Brotfabrik: was das Areal über Ankerbrot verschweigt
Foto: GuentherZ, CC BY-SA 3.0 at, via Wikimedia Commons

Am Eingang werden Kopfhörer verteilt. Dann setzt sich die Gruppe in Bewegung, über ein Areal in Wien-Favoriten, auf dem heute Galerien, Ateliers und Veranstaltungssäle liegen und auf dem über ein Jahrhundert lang Brot gebacken wurde. Aus den Kopfhörern kommen Stimmen: Zeitzeug:innen, die über die NS-Zeit erzählen, und Texte, die Schauspieler:innen lesen. An den Stationen des Weges spielt ein Cellist, tritt eine Tänzerin am Vertikaltuch auf, wird an einer Recherchestation ein kurzes Schauspiel gegeben.

Der Artwalk „Palimpsest“ ist eine Koproduktion des Kulturvereins Echolot mit dem Reportage-Podcast Inselmilieu. Jana Mack, Multimedia-Journalistin bei Inselmilieu und im Verein Echolot aktiv, beschreibt den Reiz des Formats so: Eine Recherche, die sonst zu Hause im Kopfhörer oder in einem Zeitungsbericht bliebe, werde am Ort selbst begehbar. Man geht hin, wird von Künstler:innen durch die Interventionen, durch das Areal und durch die Geschichte geführt, und dazwischen laufen immer wieder Ausschnitte aus den Reportagen.

Für die Recherche startete Mack mit ihrer Kollegin bei Radio Wien einen Aufruf und richtete eine Geschichtensammelstelle ein. So kam der Hinweis auf einen Stammtisch, bei dem sich ehemalige Beschäftigte von Ankerbrot alle zwei Wochen treffen, Fotos mitbringen und über den Betriebssportverein und die Theatergruppe reden. Ein Fanklub für eine Brotfabrik. Warum es den gibt, erklärt ein früherer Mitarbeiter: Beim Anker zu arbeiten habe damals mehr gegolten als eine Anstellung bei der Gemeinde Wien.

„Das war damals eine Sensation, wenn einer beim Anker arbeiten durfte.“

Ein Satz auf der Website

Es geht bei dem Rundgang aber nicht nur um gute Erinnerungen. Gegründet wurde das Unternehmen 1891 von den jüdischen Brüdern Heinrich und Fritz Mendel, 1938 wurde es arisiert. Auf der Website von Ankerbrot steht dazu ein Satz: Die Mitglieder der jüdischen Gründerfamilie hätten Österreich verlassen, das Unternehmen sei arisiert worden. In Relation zur übrigen Firmengeschichte sei das absurd wenig, sagt Mack. Auch das Buch, das die Firma in Auftrag gab, handle die Arisierung in zwei Sätzen ab, danach gehe es wieder um die Bombardierung der Fabrik. Dass zwischen 1944 und 1945 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter:innen im Werk eingesetzt waren, kommt auf der Website gar nicht vor.

Wie gründlich gelöscht wurde, lässt sich am Firmenzeichen ablesen. Im Anker standen die Initialen HFM, für Heinrich und Fritz Mendel. Mit dem „Anschluss“ und der Arisierung wurde der Anker zunächst rot eingefärbt, die Buchstaben verschwanden; später stand dort nur noch der Name oder gar nichts. Auf dem Areal selbst findet sich bis heute kein Hinweis auf die Gründer – und keiner auf den Architekten. Friedrich Schön, der die Fabrik ab 1892 für die Mendels plante, wurde im November 1941 mit 84 Jahren mit einem der ersten Transporte aus Wien deportiert und in Kaunas ermordet.

Drei Vorstellungen des Artwalks gibt es Ende September, am 28. und am 30. September sowie am 1. Oktober; die Gruppen bleiben klein, eine Anmeldung ist nötig. Wer sonst über das Areal schlendert und überlegt, in welche Ausstellung er heute geht, ahnt von alldem nichts. Genau deshalb, sagt Mack, lohnt das Nachforschen über die Orte dieser Stadt – gerade dann, wenn ihnen ihre Geschichte nicht anzusehen ist.