Heiße Maroni: Wiens Maronibrater in 11 Bildern

Georg Emanuel Opiz, Eine Kastanienbraterinn, und die Laternbuben in Wien, 1805–1812. MAK – Museum für angewandte Kunst, Public Domain
Wenn es kalt wird, stehen sie wieder an den Ecken: die Maronibrater mit ihren Öfen. Den Beruf gibt es in Wien seit Jahrhunderten, und im Barock war er vor allem Frauensache. Die „Kästenweiber“ brieten die Kastanien.
Die folgenden 11 Bilder aus dem Wien Museum, der Albertina und dem MAK zeigen, wie aus dem Kästenweib der Maronibrater wurde: ein Wiener Typ, der im Fotoatelier posierte, auf Spielkarten landete und 1915 sogar in der Kriegspropaganda.
Seit wann gibt es Maronibrater in Wien?
Mitte des 18. Jahrhunderts erlaubte Maria Theresia Händlern aus der Gottschee, einer deutschen Sprachinsel im heutigen Slowenien, per Dekret, Kastanien als Wanderhändler zu verkaufen. Im barocken Wien brieten vor allem Frauen die Kastanien, im 19. Jahrhundert wurde der Maronibrater zur Männerfigur. Das älteste Bild in diesem Dossier, ein Kupferstich von 1775, zeigt ein Kästenweib.
Wie viele Maronistände gibt es in Wien?
Um 1900 waren es rund 300, um 2020 rund 250. Neben Maroni verkaufen viele Stände heute auch Bratäpfel und gebratene Erdäpfel.
Was heißt „Maroni, hasse!“?
So riefen die Maronibrater ihre Ware aus, „hasse“ ist wienerisch für heiß. Der Fotograf Otto Schmidt machte den Ruf in den 1870er-Jahren zum Titel eines seiner „Wiener Typen“. Weitere Wiener Winterfiguren zeigt das Dossier Krampus.
Die Bilder
Kästenweib

Johann Christian Brand, Friedrich August Brand, 1775. Wien Museum, CC0
1775 brachte Johann Christian Brand, Kammermaler des Hofes und Professor an der Wiener Akademie, eine Folge von Blättern heraus, die das „gemeine Volk“ beim Verkaufen zeigt: den Kaufruf in Wien. Gestochen hat sie Friedrich August Brand, beschriftet sind die Blätter auf Deutsch und Französisch.
Das Kästenweib sitzt hinter einer Kiste, auf der ein Blech mit Kastanien liegt. Mit einem Stab stochert sie im Ofen neben sich, aus dem Rauch aufsteigt. Im barocken Wien gab es mehr Kastanienbraterinnen als Brater.
Maroni bratende Frauen in der Nacht

Carl Schütz, um 1785. Albertina, Public Domain
Carl Schütz, 1745 in Laibach geboren, wurde vor allem durch seine Ansichten von Wien bekannt. Diese Tuschzeichnung von etwa 1785 spielt in der Nacht. Im Hof eines Palais sitzen Frauen um ein glühendes Feuer, Soldaten mit Dreispitz stehen dabei, oben scheint der Mond.
Das Feuer ist die hellste Stelle im Bild. Das Blatt selbst ist klein, knapp 18 Zentimeter hoch.
Kastanienbraterin und Laternbuben

Georg Emanuel Opiz, 1805–1812. MAK – Museum für angewandte Kunst, Public Domain
Zwischen 1805 und 1812 hielt Georg Emanuel Opiz das Wiener Volksleben in einer Folge kolorierter Radierungen fest. Auf diesem Blatt ist es Nacht. Eine Laterne hängt an einem Pfosten, die Kastanienbraterin stochert im Feuer, Buben mit Laternen stehen an der Glut.
Laternbuben nannte man in Wien Kinder und Jugendliche, die nächtlichen Passanten anboten, ihnen den Weg zu leuchten. Sie warteten nach Theatervorstellungen und vor gut besuchten Gaststätten und Ballsälen auf Kundschaft.
Die Kastanienbraterin im Tarock

Carl Holdhaus, um 1850. Wien Museum, CC0
Um 1850 kam die Kastanienbraterin sogar auf Spielkarten. Dieses Tarockspiel aus der Fabrik von Carl Holdhaus zeigt teils Figuren aus dem Wiener Volksleben. Auf Karte XVIII sitzt sie warm eingepackt an ihrem Ofen, auf dem eine Laterne steht, daneben sitzt ein Kind.
Die Karte ist zweigeteilt. Die untere Hälfte steht auf dem Kopf und zeigt einen anderen Typ aus der Stadt, den Taubenhändler.
Maroni, hasse!

Otto Schmidt, 1873–1878. Albertina, Public Domain
In den 1870er-Jahren brachte der Fotograf Otto Schmidt die alten Kaufruf-Figuren in ein neues Medium. Seine Serie „Wiener Typen“, verlegt von A. F. Czihak, war die erste Fotoserie, die diese Figuren aus der Druckgrafik in die Fotografie übertrug. Nummer 22 heißt „Maroni, hasse!“, wienerisch für heiß: Ein Maronibrater mit Pelzmütze bedient eine Dame im langen Kleid.
Das Foto ist gestellt. Die Typen wurden teils von Schauspielern in Kostüm gespielt, vor wechselnden Kulissen im Atelier. An der Wand dahinter kleben Plakate, zu lesen sind „Ball-Musik“ und „Flora-Saal“.
Maronibrater vor der Elisabethbrücke

Emanuel Wähner, um 1881. Wien Museum, CC0
Um 1881 fotografierte Emanuel Wähner einen Maronibrater vor der Elisabethbrücke. Der Mann sitzt im dicken Mantel neben seinem Ofen, hinter ihm ein Sockel mit einer Statue und Passanten.
Die Brücke gibt es nicht mehr. Sie verband Kärntner Straße und Wiedner Hauptstraße beim heutigen Karlsplatz und wurde 1897 für die Einwölbung des Wienflusses abgetragen. Ihre acht Marmorstatuen stehen seit 1902 auf dem Rathausplatz.
Maronibrater, mit Bleistift

Emerich Fechter, 1890. Albertina, Public Domain
Emerich Fechter, 1854 in Friedberg, dem heutigen Frýdek-Místek, geboren, zeichnete 1890 mit Bleistift einen Maronibrater. Der Mann sitzt zusammengekauert an seinem Ofen, auf dem eine Laterne steht, der Boden glänzt nass.
Das Blatt ist klein, rund 21 mal 17 Zentimeter. Unten links stehen Fechters Initialen und die Jahreszahl.
Heisse Maroni auf der Ansichtskarte

Brüder Kohn KG, um 1900. Wien Museum, CC0
Um 1900 kamen die Wiener Typen auf Ansichtskarten. Diese Karte der Brüder Kohn zeigt einen Maronibrater mit Hut, der Maroni in eine Papiertüte füllt, neben ihm der Ofen mit den Kastanien.
Um diese Zeit gab es in Wien rund 300 Maronistände. Schon Maria Theresia hatte Händlern aus der Gottschee, einer deutschen Sprachinsel im heutigen Slowenien, den Kastanienhandel per Dekret erlaubt. Das Leben der Braterinnen und Brater war aber meist von Armut geprägt.
Der Maronibrater von Emil Mayer

Emil Mayer, um 1908. Wien Museum, CC0
Emil Mayer war Rechtsanwalt in Wien und zunächst als Amateur in Wiener Fotografenvereinen aktiv. Seine Bilder von Straßenszenen und Wiener Typen entstanden meist unbemerkt, als Dokumente des Alltags. Dieser Maronibrater mit Melone steht an seinem runden Ofen, darunter liegt ein Sack.
Um 1908 erschien die Aufnahme als Ansichtskarte in der Serie „Wiener Typen und Straßenbilder“. Am 8. Juni 1938, wenige Monate nach dem „Anschluss“, nahmen sich Emil Mayer und seine Frau das Leben, um der rassistischen Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen.
Die Kastanien aus dem Feuer

Nach Paul Otto Engelhard, 1915. Wien Museum, CC0
Die Redensart, für jemanden die Kastanien aus dem Feuer zu holen, kennt man aus der Fabel vom Affen und der Katze, die La Fontaine 1679 berühmt machte: Die Katze holt die Kastanien aus der Glut, der Affe isst sie. 1915 wurde daraus Kriegspropaganda.
Auf dieser Postkarte nach einem Entwurf von Paul Otto Engelhard, erschienen in einem Münchner Verlag, drängen sich Buben mit Uniformmützen um einen Maronibrater. Die Karte ist eine Satire auf die Entente, die Kriegsgegner Deutschlands und Österreich-Ungarns.
Maronibrater in der Holzbude

Karl Wiener, um 1922. Wien Museum, CC0
Um 1922 zeichnete Karl Wiener, damals Anfang zwanzig, den Maronibrater mit Feder und Tusche in kräftigem Schwarz und Weiß: eine Laterne, ein Karren, dahinter Hauswände mit dunklen Fenstern. Der Maronibrater steht hier nicht mehr nur am Ofen, sondern in einer Holzbude.
Um 2020 zählte man in Wien rund 250 Maronistände. Neben Maroni gibt es dort längst auch Bratäpfel und gebratene Erdäpfel.
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