Am 6. Juni 1906 wurde auf einem Hügel bei Leobendorf eine Burg eröffnet, die aussah, als stünde sie seit dem Mittelalter dort. Unter den Gästen war der deutsche Kaiser Wilhelm II. Tatsächlich war Burg Kreuzenstein gerade erst fertig geworden. Ihr Bauherr, Graf Johann Nepomuk Wilczek, hatte 1874 begonnen. Die Ritterburg über der Donau ist also jünger als die Wiener Staatsoper.
Ganz erfunden ist sie trotzdem nicht. Auf dem Hügel stand schon im 12. Jahrhundert eine Burg, und ihr Ende ist eine Geschichte für sich.
Eine Burg, die kampflos fiel
Bis 1645 war Kreuzenstein nie erobert worden. Dann kamen im Dreißigjährigen Krieg die Schweden unter Lennart Torstensson, und Oberst Lukas Spicker übergab Burg und Stadt am 5. April 1645 kampflos. Als die Schweden im Herbst wieder abzogen, ließ Torstensson die Burg sprengen. Was übrig blieb, nutzten die Bauern der Umgebung als Steinbruch.
Eine düstere Episode hatte die Burg da schon hinter sich. 1528 wurde hier der Täuferprediger Balthasar Hubmaier verhört, am 10. März desselben Jahres verbrannte man ihn in Wien.
Ein Polarforscher als Bauherr
Johann Nepomuk Wilczek, 1837 in Wien geboren, war ein Mann für große Unternehmungen. Er stieß die Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition von 1872 bis 1874 an und war ihr Hauptgeldgeber, er bezahlte auch das Schiff „Admiral Tegetthoff“. 1872 fuhr er selbst in die Arktis, um ein Kohle- und Proviantlager für die Expedition anzulegen. Als die Expedition von Carl Weyprecht und Julius Payer am 30. August 1873 Franz-Josef-Land entdeckte, benannte sie die erste Insel, die sie betrat, nach ihrem Geldgeber. Wilczek gründete außerdem die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft mit, deren Geschichte heute das Rettungsmuseum erzählt.

Bauteile aus ganz Europa
Im selben Jahr, in dem die Expedition heimkehrte, begann Wilczek mit dem Wiederaufbau der Ruine. Er wollte eine Burg als Museum, und er baute sie aus originalen alten Bauteilen, die er in ganz Europa zusammengetragen hatte. Das größte zusammenhängende Stück ist der Kaschauer Gang. Er war ursprünglich die Westempore des Doms im slowakischen Košice, Wilczek kaufte die Steine 1895 günstig, als der Dom renoviert wurde. Von der Festung Hohensalzburg erwarb er eine der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Steinschleudern.

Die Bauleitung hatte bis zu seinem Tod 1895 der Architekt Carl Gangolf Kayser, danach übernahmen Walcher von Molthein und Egon Rheinberger. Gefüllt wurde die Burg mit Wilczeks Sammlung, heute mehr als 10.000 Objekte, dazu kam eine Bibliothek.

Mittelalter fürs Kino
Wilczek starb 1922 und liegt in der Familiengruft unter der Burgkapelle. Die Burg gehört bis heute seiner Familie, ein Ururenkel ist Hans-Adam II., der regierende Fürst von Liechtenstein.
Sein Mittelalter hat inzwischen eine eigene Karriere gemacht. Schon 1912 drehte Max Reinhardt hier Teile von „Das Mirakel“, später kamen Disneys „Die drei Musketiere“ von 1993, „Die Säulen der Erde“ und einige Szenen der Netflix-Serie „The Witcher“. Eine Burg, die ein Polarforscher aus Bruchstücken zusammengesetzt hat, ist damit zu dem Mittelalter geworden, das sich viele vorstellen. Ein früheres Beispiel für eine solche Burg aus fremden Bauteilen ist die Franzensburg in Laxenburg.
Besichtigen lässt sich Kreuzenstein von 1. April bis 31. Oktober nur mit Führung, jeweils zur vollen Stunde. Erwachsene zahlen 15 Euro, Kinder von 3 bis 16 Jahren 8 Euro. Im Winter gibt es nur Gruppenführungen nach Anmeldung. Die Burg ist wegen vieler Stufen nicht barrierefrei.
Burg Kreuzenstein · Kreuzensteiner Straße 2100, 2100 Leobendorf
IM MUSEUM


