Objekte
March 30, 2022
|
hdgö

Ein Pokal mit Einschussloch: das Wunderteam im Haus der Geschichte Österreich

Silbern, bauchig, rund 30 Zentimeter hoch – und mitten durchschossen: Eva Meran zeigt im Haus der Geschichte Österreich eine Trophäe des Wunderteams, die in den Februarkämpfen 1934 im Karl-Marx-Hof getroffen wurde.

Ein Pokal mit Einschussloch: das Wunderteam im Haus der Geschichte Österreich
Foto: Markus Guschelbauer, hdgö

Auf den ersten Blick ist es ein Krug: Silber, rund 30 Zentimeter hoch, bauchig, mit Henkel, Deckel und einer Kette, die vorne herabhängt. Auf dem Bauch steht „Schweiz–Österreich“. Und mitten durch das Gefäß geht ein Loch, das kein Silberschmied gebohrt hat. Es ist ein Einschussloch.

Eva Meran, Kuratorin für Vermittlung am Haus der Geschichte Österreich, führt in der Hauptausstellung zu diesem Objekt, weil es mehrere Schichten auf einmal freilegt. Die Ausstellung beginnt 1918, mit dem Ende der Monarchie und der jungen Republik. Der Pokal erzählt von den frühen 1930er-Jahren, also von jenen Jahren, in denen diese Republik zu einer Diktatur wurde.

Die erste Schicht ist eine sportliche. Die Gravur verweist auf ein Länderspiel: Ende November 1931 gewann Österreich in Basel 8:1 gegen die Schweiz. Der Pokal ist eine Trophäe des Wunderteams, jener Nationalmannschaft, die im Mai 1931 mit einem 5:0 gegen Schottland eine beispiellose Serie begonnen hatte. In 16 Länderspielen kamen 12 Siege zusammen, dazu zwei Unentschieden und zwei Niederlagen, bei einem Torverhältnis von 63:20. Gegen Deutschland hieß es 6:0, im Rückspiel 5:0. Verantwortlich dafür war Verbandskapitän Hugo Meisl, Sportjournalist und Schiedsrichter, der viele Sprachen sprach und den österreichischen Fußball professionalisierte und internationalisierte.

Fußball war zu diesem Zeitpunkt längst kein Kuriosum mehr. Aus England hatte sich das Spiel ab dem späten 19. Jahrhundert über Kontinentaleuropa verbreitet, anfangs beäugt mit der Frage, was erwachsene Männer da täten, wenn sie einem Ball nachliefen. Österreich führte 1924 als erstes Land des Kontinents den Profifußball ein, in den 1920er-Jahren wurde der Sport zum Massenphänomen: neue Vereine, neue Stadien, am Ende des Jahrzehnts die ersten Radioübertragungen. Am Heldenplatz versammelten sich Menschen zum gemeinsamen Zuhören, lange bevor es Public Viewing hieß. Für ein Land, dem viele die Lebensfähigkeit absprachen, war das Wunderteam ein seltener Anlass, sich mit Österreich zu identifizieren.

Die zweite Schicht steckt im Loch. 1933 nutzte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß eine Abstimmungspanne im Parlament, um dessen Zusammentreten zu verhindern; es folgten Zensur, Todesstrafe, die Verfolgung politischer Gegner:innen und das Verbot des sozialdemokratischen Schutzbunds. Bei einer Razzia gegen den Schutzbund kam es im Februar 1934 zur Gegenwehr. Der Aufstand wurde binnen weniger Tage niedergeschlagen, Hauptschauplätze waren Wien, Graz, Linz und Industrieorte in Oberösterreich und der Steiermark. Einer der wichtigsten Schauplätze war der Karl-Marx-Hof, der schwere Schäden davontrug. Dort hatte Hugo Meisl eine Wohnung, und dort stand seine Trophäe.

Wenn man das sieht, ist es fast schon surreal, dass das genau so zusammenkommt.

In einem einzigen Objekt treffen damit zwei Bewegungen dieser Jahre aufeinander: ein kaum gekannter Patriotismus, der sich an einer Fußballmannschaft festmachte – und der Bürgerkrieg, der ihn durchschoss. Das Museum, in dem der Pokal heute steht, liegt am Heldenplatz – dort, wo wenige Jahre zuvor Menschen standen und die Spiele des Wunderteams aus dem Radio hörten.