Die Türklocke bimmelt, der Boden knarrt. Wer im ersten Stock des Bezirksmuseums Penzing die Einkaufsstraße betritt, steht kurz darauf mitten in einem Greißlerladen der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre: Regale bis unter die Decke, Seifen, Zigarettenschachteln, ein Gewürzregal, ein Milchbottich, Gewichte zum Abwiegen, sogar eine Maschine zum Zigarrenschneiden.
Andreas Maurer, Leiter des Bezirksmuseums Penzing, steht hier nicht in einer Kulisse, die nach alten Fotografien gezimmert wurde. Das Geschäft hat in Wien genau so ausgesehen; übernommen wurde es von einer Frau Hudler und eins zu eins ins Museum übertragen – aufgebaut vom damaligen Museumsteam, lange bevor Maurer die Leitung übernahm.
Wer genauer hinsieht, bemerkt den Haken: Kaffee, Backpulver und Maggi-Suppenwürfel stehen zwar in ihren originalen Dosen, gefüllt ist keine davon. „Es ist alles Fake“, sagt Maurer – bis auf einen einzigen Artikel. Im Brotkorb liegt ein echter Brotlaib aus jener Zeit, versiegelt. Hineinbeißen sollte man trotzdem nicht.
Was den Raum tatsächlich in die Vergangenheit rückt, ist ohnehin kein Objekt, sondern ein Geruch: eine Mischung aus Öl und alten Kerzen. Sie stammt von einem Petroleumfass, das im Laden steht. Ende der 1960er-Jahre waren vor allem am Land noch nicht alle Haushalte mit Strom versorgt. Wer Licht brauchte, ging zum Greißler und ließ sich Petroleum für die Lampe abfüllen. Ein Detail, das anders klingt, seit man von Blackout-Übungen des Bundesheeres liest.
Genau darum gehe es dem Museum, sagt Maurer: den Greißlerladen nicht unter eine Glocke stellen, in eine Vitrine, um darin Nostalgie zu bewahren, sondern die Vergangenheit als Erklärungsmodell der Gegenwart heranziehen. Die Zahl der kleinen Lebensmittelhändler in Wien, schätzt er, sei in den vergangenen 15 Jahren wieder um etwa zehn Prozent gewachsen. Zero-Waste-Läden, in denen Gewürze, Reis oder Shampoo in mitgebrachte Gefäße abgefüllt werden, arbeiten im Prinzip so wie die Waage im Gewürzregal hier hinten: nicht „darf es ein bisschen mehr sein“, sondern die Menge, die gebraucht wird, und dazu Ware, die regional und ehrlich sein soll.
Kinder bekommen beim Besuch ein Zuckerl, ausgeteilt wird es mittlerweile lieber draußen, sonst landen die Papierln am Boden des Ladens. Was bleibt, ist eine Frage, die der Raum von selbst stellt: Welche Umgebung von heute landet einmal so im Museum, Regal für Regal, voller leerer Verpackungen und mit einem einzigen echten Gegenstand darin? Ein Apple Store wäre ein Kandidat.
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