Was von einem Leben bleibt, entscheidet manchmal eine Wohnungsräumung. Vor einer leergeräumten Wohnung in der Taubstummengasse lag ein Gipsabguss im Schutt: das Gesicht einer Toten. Einer der früheren Leiter des Bezirksmuseums Wieden erkannte, wen er da vor sich hatte, und nahm die Maske mit. Heute steht sie im ersten Stock in einem Schaukasten, daneben Fotos und zwei Briefe.
Philipp Maurer, Leiter des Bezirksmuseums Wieden, erzählt die Geschichte der Maske zunächst als eine der Nachlässigkeit. Im Museum landete der Abguss im Keller, brach ein zweites Mal und wurde mit Alleskleber zusammengepickt. Der Uhu sei für Gips „mörderisch“, sagt Maurer: er hinterlasse braune Spuren. Als Maurer 2017 die Leitung übernahm, wies ihn eine Kollegin auf das Stück hin; hinter Brettern und Staub fand er die zerbrochene Maske. Ein Anruf im Wien Museum brachte ihn zu einer Kuratorin für Totenmasken und zu einer Restauratorin für Gips – zwei Zuständigkeiten, von denen er nichts gewusst hatte. Rund 1000 Euro sollte die Restaurierung kosten, viel für ein Bezirksmuseum. Maurer sagte sofort zu.
Dorothea Neff, 1903 in München geboren, war eine der bedeutenden Schauspielerinnen der Stadt, aber keine Wienerin. Aus dem Bayerischen Staatstheater in München wurde sie 1933, kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ aussortiert. Über deutsche Provinzbühnen kam sie 1939 ans Deutsche Volkstheater nach Wien. Ihre Mutter Courage brach 1963 den österreichischen Brecht-Boykott und brachte ihr die Kainz-Medaille; älteren Wiener:innen ist sie als Tante aus der Fernsehserie „Die liebe Familie“ in Erinnerung. Im Alter erblindete sie.
Ich bin zwar blind, dafür wohne ich in der Taubstummengasse.
Die Geschichte, die sie jahrzehntelang verschwieg, spielte in derselben Stadt. Lilli Wolff, jüdische Modeschöpferin aus Köln, hatte dort einen Salon geführt, bis die Nationalsozialisten ihn zusperrten. Als sie im Herbst 1941 der Deportationsbefehl erreichte, versteckte Neff sie in ihrer Wohnung in der Annagasse – mehr als drei Jahre lang, bis zum Einmarsch der Sowjetarmee im April 1945. Zwei Frauen, die von einer Lebensmittelkarte lebten, in ständiger Angst vor Entdeckung. Wolff emigrierte 1947 nach Dallas. Erst Ende der 1970er-Jahre rückte Neff damit heraus; 1979 zeichnete sie der Staat Israel als Gerechte unter den Völkern aus. Fotos zeigen sie in Yad Vashem, wie sie ihren Baum setzt.
Die zwei Briefe gehören zum Nachspiel. Neff hatte ins Testament die Bitte geschrieben, ihre Lebensgefährtin dürfe in einem allfälligen Ehrengrab mitbestattet werden. Die Schauspielerin Eva Zilcher wandte sich handschriftlich an Bürgermeister Helmut Zilk; wenige Tage später antwortete er, die zuständigen Stadträte seien bereits angewiesen. Beide Schreiben liegen als Fotokopie in der Vitrine, dazu ein Bild des Ehrengrabs mit einem Metallabguss derselben Maske.
Vier Gerechte unter den Völkern zählt Maurer auf der Wieden, bei gut hundert in ganz Österreich. Dass eine von ihnen heute ein Gesicht hat, verdankt sich einem Museumsleiter, der in einen Schutthaufen geschaut hat.
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