Neben Schloss und Türknopf fehlt ein Stück Holz. Jemand hat mit einer Hacke auf die Füllung eingeschlagen, wieder und wieder, bis das Brett splitterte – und dann doch nicht nachgab. Die Wohnungstür, die heute im Bezirksmuseum Leopoldstadt steht, stammt aus der Krummbaumgasse 1 unmittelbar beim Karmelitermarkt, aus der Wohnung Nummer 16. Diese Wohnung war eine Sammelwohnung.
Georg Friedler leitet das Bezirksmuseum Leopoldstadt seit 2014. Eines seiner ersten Anliegen war es, dem jüdischen Leben im zweiten Bezirk einen eigenen Rahmen zu geben: Es habe hier die Kultur geprägt, die Lebensformen, das gesellschaftliche Leben insgesamt. Friedler teilt diese Geschichte in drei Zeitzonen. Vor dem Ersten Weltkrieg war sie ein ständiges Zurückkommen und Vertriebenwerden. Im 17. Jahrhundert entstand im Unteren Werd das zweite Wiener Ghetto, ein geschlossener Raum; 1670 wurden die jüdischen Bewohner:innen vertrieben, der Bezirk trug fortan den Namen des Kaisers. Erst ab 1848 konnten sich jüdische Familien dauerhaft ansiedeln.
Die zweite Phase beginnt mit dem Zerfall der Monarchie. Aus den östlichen Kronländern kamen sehr viele Menschen nach Wien: weil ihnen dort die Existenzgrundlage fehlte, weil Pogrome sie bedrohten, weil manche hier bereits Verwandte hatten – dieselbe Migrationsgeschichte, sagt Friedler, wie man sie heute kennt. Der Zuzug verstärkte einen Antisemitismus, den es ohnehin gab. Karl Lueger habe nichts anderes getan, als das Vorhandene zu einem politischen Instrument zu machen.
„Wien war damals schon stark antisemitisch. Das muss man ganz trocken und ehrlich sehen.“
Die dritte Phase ist der Holocaust, und sie hat im zweiten Bezirk ihre Adressen. Alle vier Wiener Sammellager, aus denen in die Konzentrationslager deportiert wurde, lagen hier. Ihr Vorfeld waren die Sammelwohnungen: Wer aus einer arisierten Wohnung enteignet oder delogiert wurde, kam in der Leopoldstadt unter, zwei bis fünf Familien in einer Wohnung. In der Herminengasse war jedes zweite Haus betroffen.
Die Tür der Wohnung 16 überließ die Hausverwaltung dem Museum gegen den Einbau einer neuen, als die Mieterin auszog. Diese Mieterin war Enkelin und Urenkelin jener Menschen, die während der NS-Zeit in der Sammelwohnung leben mussten. Die Urgroßeltern wurden deportiert und ermordet, die Großeltern überlebten – und blieben. Die Wohnung blieb der Wohnort der Familie.
Die Spuren im Holz erzählen von einem Tag, an dem es nicht gelang. Die Nationalsozialisten wollten die Füllung herausbrechen, um die Bewohner:innen „auszuheben“, wie es damals hieß: verhaften und in ein Sammellager bringen. Innen war die Tür mit Blech beschlagen, sie hielt stand. Diesen einen Versuch überlebten die Menschen dahinter. Fünf von ihnen stehen dennoch auf den Todeslisten.
Eine Wohnungstür ist ein Alltagsgegenstand, gemacht zum Schließen und Öffnen. Diese hier hat einmal gehalten und erzählt trotzdem keine Rettungsgeschichte. Sie zeigt, wie nah diese Vergangenheit an den Häusern klebt, an denen man in der Leopoldstadt täglich vorbeigeht.
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