Objekte
December 13, 2021
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Bezirksmuseum Leopoldstadt

Aus Verzweiflung gebaut: das Riesenrad aus Zündhölzern im Bezirksmuseum Leopoldstadt

Ein arbeitsloser Maurergeselle baute in den 1930er-Jahren ein mannshohes Riesenrad aus abgebrannten Zündhölzern. Georg Friedler zeigt im Bezirksmuseum Leopoldstadt ein Kunstwerk, das nie eines sein wollte.

Aus Verzweiflung gebaut: das Riesenrad aus Zündhölzern im Bezirksmuseum Leopoldstadt
Blick in die Dauerausstellung, Bezirksmuseum Leopoldstadt, Foto: Klaus Pichler

Ein arbeitsloser Maurergeselle schickt in den 1930er-Jahren seine Kinder auf die Straße, damit sie abgebrannte Zündhölzer sammeln. Aus diesem Material baut er ein Modell des Wiener Riesenrads, rund 1,80 Meter hoch und ebenso breit – ungefähr so groß wie ein erwachsener Mensch. Es steht heute im Bezirksmuseum Leopoldstadt, im Bezirk also, in dem das Original im Wurstelprater seine Runden dreht.

Georg Friedler, Museumsleiter des Bezirksmuseums Leopoldstadt und im Hauptberuf Architekt, schätzt dieses Objekt vor allem deshalb, weil es eine Geschichte erzählt. Eine angenehme ist es nicht. Der Maurergeselle, von dem nur die Überlieferung erzählt, wusste mit seiner Zeit in der Arbeitslosigkeit nichts anzufangen und war verzweifelt. Heute würde man Beschäftigungstherapie dazu sagen. Den Begriff gab es damals nicht, und schon gar niemanden, der so etwas verordnet hätte. Er kam von allein darauf.

„Es ist nicht einmal vorstellbar, wie man auf die Idee kommt, so etwas zu tun.“

Das Modell ist ungeheuer naturgetreu. Jede Speiche, jede Verstrebung, jede Kabine samt Dach und Aufhängung besteht aus verkohlten Hölzchen, sogar die Radlager sind aus Zündhölzern in die runde Form gebracht. Ein Detail unterscheidet es vom Vorbild: Es hat noch alle Gondeln. Das große Riesenrad dreht sich heute mit 15 statt der ursprünglich 30 Waggons: Nach den Brandschäden des Zweiten Weltkriegs zweifelte man an der Stabilität der Konstruktion und hängte nur die Hälfte wieder ein. Ein statischer Nachweis für die volle Bestückung, sagt Friedler, ließe sich heute nicht mehr führen. Laufen könnte es auch so, meint er, aber so seien die Gesetze eben nicht mehr.

Ob sich das Modell drehen ließe, hat er nie ausprobiert. Er will das Stück nicht angreifen, es könnte unter seinen Händen zerfallen. Rein optisch, sagt er, müsste es sogar drehbar sein. Wie viel Arbeit darin steckt, lässt sich nur indirekt ermessen: Nach dem Krieg wurde das Modell einmal restauriert, und allein diese Restaurierung kostete 450 Arbeitsstunden. Wochen, Monate, vielleicht Jahre also, in denen ein Mann seine Verzweiflung mit Zündhölzern besiegte.

Wie das Objekt ins Museum gelangte, weiß niemand. Das ist die Krux der Bezirksmuseen: Kaum ein Zugang ist dokumentiert. Warum ein Grenzstein aus dem Prater im Haus steht, ist ebenso ungeklärt wie die Herkunft mancher anderer Stücke. Friedler vermutet, dass in der Gründungszeit der Bezirksmuseen aus diversen Lagern alles Mögliche hineingestopft wurde, manches interessanter, manches weniger. In diesem Fall ist dabei ein Kunstwerk gelandet, das nie eines sein wollte – und das seinen Wert genau daraus bezieht, dass es aus purer Not begonnen wurde.