Sie sieht aus, als hätte man sie aus dem Portal einer gotischen Kirche gebrochen: ein Kreis aus Sandstein, verwittert, an den Kanten weich geworden. Tatsächlich stand die Rosette, die heute im überdachten Innenhof des Bezirksmuseums Leopoldstadt steht, an einem Bahnhof – am Wiener Nordbahnhof, den es seit 1965 nicht mehr gibt.
Georg Friedler, Leiter des Bezirksmuseums Leopoldstadt, hat die Bilder des Baus gleich neben dem Stein aufgehängt. Wer sie ansieht, denkt zuerst an einen Stiegenaufgang in ein Schloss oder an eine sakrale Halle, nicht an ein Verkehrsgebäude. „Nicht das, was wir heute unter einem Funktionsbau verstehen, sondern wirklich ein Prachtgebäude“, sagt Friedler. Ab 1859 gebaut und am 15. Oktober 1865 eröffnet, folgte das Aufnahmegebäude romantisch-historisierenden Formen mit maurischen und toskanischen Anklängen; Friedler liest es als Neugotik – als Burg, als Schloss, wie auch immer man es lesen will, und dementsprechend eben auch mit Rosetten. Es galt als prunkvollster Bahnhof Wiens.
Die Kaiser Ferdinands-Nordbahn nahm 1837 als erste Dampfeisenbahn Österreichs den Betrieb auf, die Bahnhöfe folgten. Die Strecke führte nach Mähren und Böhmen und weiter in die Ostgebiete des Kaiserreichs, bis Krakau und Lemberg, und war vor allem für den Frachtverkehr von großer Bedeutung: In Böhmen saß viel Industrie, von dort kamen Waren und Rohstoffe nach Wien. Für die Leopoldstadt war der Bahnhof mehr als eine Adresse. Über ihn kamen 1918 und 1919 viele Menschen in die Stadt, vielfach jüdische Zuwanderinnen und Zuwanderer, die gleich im zweiten Bezirk blieben. Die Praterstraße lebte von der Nähe zum Gleisfeld. Und weil die Bahn lange das einzige Verkehrsmittel in die weitere Umgebung und in andere Länder war, war die Bedeutung des Bahnhofs mindestens so groß wie die eines Flughafens heute.
Dazu gehört auch, wofür die Gleise ab 1943 genutzt wurden. Die ersten Deportationszüge in die Konzentrations- und Vernichtungslager waren vom Aspangbahnhof abgegangen; danach fuhren sie vom Nordbahnhof weg. Bis Kriegsende wurden von hier knapp 2.000 Wiener Jüdinnen und Juden nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert.
„Wenn wir über den Nordbahnhof reden, dürfen wir dieses Kapitel auch nicht auslassen.“
Auf dem früheren Bahnhofsgelände, dem größten innerstädtischen Stadterweiterungsgebiet Wiens, ist vom Bahnhof allein der denkmalgeschützte Wasserturm geblieben, ein ehemaliges Depot. Die ÖBB will dort eine Gedenkstätte einrichten, was Friedler für sehr positiv hält.
Der Bahnhof selbst überstand den Krieg nicht. Bombentreffer im März 1945 und der Artilleriebeschuss der Schlacht um Wien machten ihn zur Ruine, 1965 wurde er abgetragen. Danach suchte man einen sinnvollen Ort für die Reste. Ausgewählt wurde das Bezirksmuseum. Wie die Rosette dorthin kam, ist nur überliefert: mit dem Kran über das Bezirksamt hinweg in den Innenhof, bevor dessen Überdachung fertig war. Anders wäre der Stein nicht hineingekommen – und anders kommt er auch nicht mehr hinaus. Der Sandstein bröckelt, sein Zustand ist entsprechend schlecht. Was bleibt, ist ein Kreis aus Maßwerk, der einmal für die Selbstverständlichkeit stand, dass ein Bahnhof aussehen darf wie eine Kathedrale.
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