Unter einer Glasplatte lag ein rundes Metallteil, keine zehn Zentimeter im Durchmesser, daran ein etwa gleich langer Fortsatz. Kein Sockel, keine ausgeleuchtete Vitrine, keine Aufwertung durch Gestaltung. Das Objekt ist der Korb eines Mikrofons – und an ihm hängt die Erzählung, dass Adolf Hitler am 12. März 1938 in Linz hineingesprochen hat.
Laura Langeder, damals Junior-Sammlungskuratorin am Haus der Geschichte Österreich, war dort für die Sammlungsentwicklung zuständig und koordinierte Sammlungszugänge, Anfragen und Sammlungsaufrufe; die Ausstellung, in der das Mikrofon lag, hat sie mitkuratiert. Das Museum ist jung, der Aufbau der Sammlung läuft noch. Das Mikrofon gehört zu den Objekten, bei denen dieser Aufbau zur Grundsatzfrage wird.
Der historische Rahmen ist schnell erzählt: Im März 1938 ergriffen die Nationalsozialisten auch in Österreich die Macht, Hitler inszenierte einen Triumphzug von Braunau am Inn nach Wien. Die erste Station war Linz, das er als seine Heimatstadt bezeichnete. Am Hauptplatz hielt er eine Rede, geschätzte 60.000 bis 80.000 Menschen hörten zu.
Der Weg des Mikrofons ins Museum führt über vier Schreibtische. Der Tontechniker der Rede behielt es und gab es vermutlich in den 1940er-Jahren an den technischen Leiter des oberösterreichischen Tonstudios weiter. Der reichte es 1970 bei seiner Pensionierung an den Nachfolger, der es bis 1990 im Büro hatte und es dann mit nach Hause nahm. 2020 kam es ans Museum – verpackt in einem Karton, der außen mit weihnachtlichem Geschenkpapier beklebt war.
Stimmt die Geschichte überhaupt? Langeder hielt sie für sehr wahrscheinlich: Der Kontext und die Erzählungen sind schlüssig, und auf Fotos der Ansprache ist zu erkennen, dass Hitler in ein Mikrofon dieser Bauart gesprochen hat. Für einen definitiven Beweis bräuchte es eine Aufnahme, auf der Serien- und Inventarnummer lesbar sind. Die gibt es nicht. Schlüssig also, aber nicht belegbar.
Genau daran hängt das eigentliche Problem. Museumsobjekten wird eine Aura zugesprochen, ein Begriff, der von Walter Benjamin stammt und die Anziehungskraft des Originals beschreibt. Bei einem Objekt mit unmittelbarem Bezug zu Hitler wird diese Anziehungskraft heikel – auch mit Blick darauf, wen sie ansprechen könnte.
„Und ob das jetzt wahr ist oder nicht, ist gar nicht entscheidend dafür, dass es diese Aura mitbringt.“
Die Antwort des Hauses war die nüchterne Präsentation in der Sonderausstellung „Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum“, von Dezember 2021 bis Jänner 2023 zu sehen: kein Sockel, keine Weihe, dafür die offene Frage im Ausstellungstext. Mitgezeigt wurde auch die Geschenkpapierschachtel, in der das Mikrofon ankam. Sie führte die Banalität des vermeintlich Auratischen vor – jahrzehntelang lag das Objekt einfach in einer Kiste.
Ausgestellt wurde damit weniger das Mikrofon als der Umgang mit ihm: das Aufbewahren, das Weitergeben, das mündliche Weitererzählen. Das Haus der Geschichte Österreich versteht diese Lösung ausdrücklich als Vorschlag, den es zur Diskussion stellt. Was mit den Dingen aus Kellern und Dachböden geschehen soll, ist damit nicht entschieden – aber immerhin gefragt.
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