Ein auffällig langes Modell aus Papier und Karton, ockerrot und gelb, die Fahnenstangen in kräftigem Blau: Wer im Architekturzentrum Wien vor der Sektion zum Roten Wien steht, sieht zuerst eine Burg. Türme, Torbögen, eine geschlossene Front. Gebaut wurde das Original allerdings erst ab 1927, in Heiligenstadt: der Karl-Marx-Hof.
Monika Platzer, Sammlungsleiterin und Kuratorin am Architekturzentrum Wien, nennt ihn ein Schlüsselwerk der Epoche und einen der bekanntesten Gemeindebauten des Roten Wien. Errichtet wurde er zwischen 1927 und 1930 in drei Bauetappen und am 12. Oktober 1930 eröffnet, über einen Kilometer lang – „ein Gewaltakt der Stadtregierung“, wie Platzer sagt. Und einer der ersten Superblocks: eine geschlossene Bebauung, die eine ganze Wohnanlage zu einer Einheit zusammenfasst.
Möglich wurde das durch eine Steuer. Mit der Trennung von Niederösterreich wurde Wien eigenes Bundesland und bekam die Finanzhoheit, konnte also selbst Abgaben einheben; im Februar 1923 beschloss die Stadt die Wohnbausteuer, die auf den Finanzstadtrat Hugo Breitner zurückging. Damit ließ sich gegen ein Elend anbauen, das die Monarchie hinterlassen hatte: Wohnraum war Spekulationsobjekt, viele Arbeiterfamilien vermieteten den wenigen Platz noch an Bettgeher weiter, die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Im Karl-Marx-Hof hat dagegen jede Wohnung eine eigene Wasserstelle und eine Toilette. Badezimmer gibt es noch keine – dafür die berühmten Waschsalons, dazu Kindergärten, Ambulatorien und Wäschereien in den Höfen.
Am Modell lässt sich ablesen, was daran neu war: Bebaut ist der Rand des Grundstücks, in der Mitte liegt ein großer Grünraum. Licht, Sonne und Luft für die Wohnungen, ein Hof zum Spielen. Das bekannteste Kennzeichen ist der Ehrenhof mit seinen fünf Türmen und den großen Torbögen. Sie waren Durchgang: Wer am Bahnhof Heiligenstadt ankam, konnte quer durch die Anlage gehen, Fußballfans marschierten hier zur Hohen Warte.
Der Untergrund war eine sumpfige Wiese, ein zugeschütteter früherer Donauarm; der Bau steht auf Pfählen. Die bürgerliche Propaganda schrieb daraufhin in den Zeitungen, das Haus werde einstürzen. Wie viel Symbolkraft in dieser Adresse steckte, zeigte sich im Februar 1934: Der Karl-Marx-Hof wurde zur Hochburg des Widerstands gegen den Austrofaschismus, die Einschüsse an den Toranlagen sind fotografisch überliefert, der Platz mitten in der Anlage heißt heute 12.-Februar-Platz. Der Architekt Karl Ehn, ein Otto-Wagner-Schüler wie viele, die im Roten Wien bauten, war Beamter im Stadtbauamt und arbeitete in der Monarchie ebenso weiter wie im Austrofaschismus, in der NS-Zeit und nach 1945.
Das Modell selbst stammt nicht aus der Bauzeit. Das originale hat nicht überdauert, erhalten sind nur Fotos davon, und auch die zeigen bloß den Mitteltrakt. Dieses Exemplar entstand 1987/88 in der Meisterklasse von Hans Hollein, der Studienanfänger:innen große städtebauliche Projekte als Modellaufgabe gab: historische Quellen lesen, sie dreidimensional umsetzen, Maßstab und Material erproben. Auf der Etikette steht bis heute der Name des Studenten, der es gebaut hat. Wer davorsteht, sieht deshalb zwei Dinge auf einmal – ein Manifest des sozialen Wohnbaus und eine Übung darin, wie man ein Manifest liest.
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