An einer Säule im Waschsalon des Karl-Marx-Hofs hängt ein Stück roter Karton. Mehr ist es nicht: ein Deckel, der einmal ein Paket verschlossen hat, das eine Wiener Mutter in den 1930er-Jahren überreicht bekam. In der Mitte ist eine Skulptur abgebildet, ringsum läuft der Schriftzug „Säuglingswäscheaktion der Stadt Wien“, und in den Ecken wiederholen sich stilisiert die drei Buchstaben S, W, A.
Lilli Bauer kuratiert gemeinsam mit Werner T. Bauer die Dauerausstellung zum Roten Wien der Ersten Republik, die im ehemaligen Waschsalon des Gemeindebaus untergebracht ist. Sie liest den Deckel wie ein Dokument. Die Frauenfigur darauf, umringt von vier Kindern und die Arme schützend über zwei von ihnen gebreitet, ist die „Magna Mater“ des Bildhauers Anton Hanak, ursprünglich eine Brunnenfigur. Sie stand im Hof der Kinderübernahmsstelle der Gemeinde Wien, in einem Wasserbecken, an dessen Rand sich gewundene Schlangen als Wasserspeier zogen. In der Literatur heißt sie das Wahrzeichen des Wiener Wohlfahrtsamtes.
Die Kinderübernahmsstelle geht auf Julius Tandler zurück, den Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen, der sie 1923 im Gemeinderat beantragte: eine zentrale Drehscheibe für in Not geratene Kinder, die erste Einrichtung dieser Art in Europa. Gebracht wurden sie von Eltern, Pflegefamilien, Bezirksjugendämtern, manchmal von der Polizei. Dort wurden sie gewaschen, neu eingekleidet, untersucht und einige Wochen beobachtet, bevor entschieden wurde, wohin sie weiterkamen: zurück in die Herkunftsfamilie, in eine Pflegefamilie oder in ein Kinderheim der Stadt. 1925 kamen über 6.000 Kinder, rund 2.000 wegen Mittellosigkeit oder Arbeitslosigkeit der Eltern, etwa 1.000 wegen Obdachlosigkeit.
„Es ist ein furchtbares Bild des Kinderelends, ein schreckliches Wahrzeichen der kapitalistischen Gesellschaft.“
So beschrieb Tandler 1925 den Andrang. Zwei Jahre später führte er das Säuglingswäschepaket ein, dessen Deckel nun an der Säule hängt: eine kostenlose Erstausstattung für jedes in Wien geborene Kind, unabhängig vom Einkommen der Eltern. Anmelden konnte man sich in den Mutterberatungsstellen, niederschwelligen Einrichtungen, die teils im Gemeindebau lagen und in denen die Kinder gewogen und untersucht wurden. Das Paket war auch ein Anreiz, dort hinzugehen. 1927 enthielt es 24 Tetrawindeln, sechs gewirkte Jäckchen, sechs Hemdchen, zwei Nabelbinden, ein Tragkleidchen, eine lichtblaue Flanelldecke – und Seife, Creme und Hautpuder, das „Dreigestirn der Säuglingspflege“. Windeln waren damals ein Luxusprodukt. Kein Wiener Kind, so Tandlers Schlagwort, dürfe auf Zeitungspapier geboren werden. Im ersten Jahr wurden 9.000 Pakete ausgegeben.
Überbracht wurden sie von einer Fürsorgerin persönlich, mit Grüßen der Stadt Wien. Sie hielt dabei Nachschau, in welchen Verhältnissen das Kind aufwuchs – eine gefürchtete Respektsperson, die über Wohl und Wehe des Kindes entscheiden konnte. 1927 war zudem ein Wahljahr; die christlichsoziale Opposition diffamierte die Aktion als „Wahlwindeln“.
Ein Wahlkampfgag allein war sie nicht. Das Paket gibt es fast hundert Jahre später noch, als Wickelrucksack, kostenlos für die Eltern jedes Wiener Neugeborenen. Der Karton an der Säule steht damit am Anfang einer Linie, die bis in die Gegenwart reicht.
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