Der Spielplan hat die Form des Weiblichkeitssymbols, 50 Felder führen vom Start ins Ziel, und wer würfelt, kommt nicht unbedingt voran: „Habe Bauchtanz gelernt, um meinem Mann zu gefallen. Zurück zum Start, du musst neu anfangen.“ Das Spiel liegt aufgeschlagen in einer Vitrine im Haus der Geschichte Österreich – abgedruckt in einer Zeitschrift aus dem Jahr 1985.
Marianna Nenning, kuratorische Assistentin am Haus der Geschichte Österreich, steht in der Ausstellung „Neue Zeiten. Österreich seit 1918“ im Bereich „Gleiche Rechte“. Hinter dieser Überschrift stehen ein Fragezeichen und ein Rufezeichen zugleich. Der Bereich verhandelt Frauenrechte ebenso wie die Rechte der LGBTQI+-Community und die Rechte von Sexarbeiterinnen. In einer der Vitrinen liegt das Brettspiel „Liebesdienste: vorwärts oder rückwärts“.
Die Anleitung, die mit abgedruckt war, klingt schon nach Programm:
Für das Spiel benötigt Frau einen Würfel, verschiedene Wieble und mindestens zwei Spielerinnen.
„Wieble“ ist, wie Nenning erklärt, ein Vorarlberger Ausdruck für mehrere Frauen. Neben Spielplan und Anleitung gehören rote Kärtchen zum Ausschneiden dazu, und auf ihnen stehen die eigentlichen Spielzüge – Sätze aus dem Alltag, die einen vorwärts oder rückwärts befördern. „Ich organisiere ein Frauenfest, fünf Felder vor.“ „Wer die Kinder befördert, hat Anspruch aufs Auto, zwei Felder vor.“ „Habe meinen Mann in einen Flick- oder Nähkurs entsandt, vier Felder vor.“ Rückwärts geht es genauso konkret: „Am Wochenende Kuchen backen ist einfach notwendig, vier Felder zurück.“ Und wer heute mit dem Mann geschlafen hat, obwohl sie eigentlich nicht wollte, setzt zwei Runden aus – zum Nachdenken.

Erschienen ist das Spiel 1985 in der Zeitschrift Orgon, die von 1983 bis 1989 herauskam und dann eingestellt wurde. Sie stammte aus dem Umfeld der autonomen Frauen Vorarlbergs. Autonom hieß: keiner Partei zuzuordnen. Damit gehört das Blatt zur zweiten Frauenbewegung, wie Nenning die Phasen der Geschichtsschreibung sortiert. In der ersten ging es um politische Rechte, allen voran das Wahlrecht. In der zweiten rückte die Ungleichheit im privaten Raum in den Mittelpunkt.
Genau dort liegt die Schärfe der Kärtchen. Der private Raum – Familie, Haushalt, Erziehung – galt lange als Zone, die die Politik nicht anzutasten habe, und war weiblich konnotiert; der öffentliche Raum von Politik und Presse männlich. Diese Zweiteilung aufzulösen und einzufordern, dass der Staat sehr wohl eingreift, war ein Kern der zweiten Frauenbewegung. Das Stichwort Gewaltschutz zeigt, wie folgenreich das war.
Vieles davon wurde erreicht, Gesetze wurden erlassen. Anderes, sagt Nenning, hat sich kaum bewegt. Sie liest das Spiel deshalb als Call to Action: Es fordert dazu auf, gemeinsam an gleichen Rechten zu arbeiten. Witz und Gesellschaftskritik in einem – ein Brettspiel von 1985, das sich heute noch für einen Spieleabend ausschneiden ließe.
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