Ein rotes Heft mit Chip, ausgestellt vom Magistrat Wien: In der Vitrine im Haus der Geschichte Österreich liegt ein ganz gewöhnliches Dokument. Nur steht unter der Rubrik "Geschlecht" statt eines Ms oder Fs ein X. Es ist der erste Reisepass Österreichs mit dem Geschlechtseintrag „inter“, und er gehört Alex Jürgen.
Stefan Benedik, Leiter des Teams Public History am Haus der Geschichte Österreich, sieht darin auch einen Beweis dafür, dass es tatsächlich möglich ist, die Verhältnisse zu ändern.
Dokumente wie dieses bezeugen wie sich Geschlechterverhältnisse entwickeln. In den ersten Pässen der Republik stand „Name des Inhabers“ und darunter „begleitet von seiner Frau“. Beantragte eine Frau ein eigenes Dokument, musste der Vordruck ausgestrichen und „Name der Inhaberin“ eingetragen werden. An solchen Einträgen wird sichtbar, wer als Norm gedacht war und wer als Abweichung.
Passdokumente gibt es seit dem 19. Jahrhundert, und sie dienten zunächst der Kontrolle: Wer mobil war, galt als Bedrohung und wurde nach Name, Geschlecht, Alter und Aussehen befragt. Zur etwa gleichen Zeit etablierten sich auch Vorstellungen davon, die die Welt in zwei gegensätzliche Pole einteilen: Kultur gegen Natur, Öffentlichkeit gegen Privatheit, Mann gegen Frau. Was heute wieder infrage gestellt wird, ist eine Ordnung, die – wenn wir es so betrachten – noch sehr jung ist, nämlich erst 200 Jahre alt. Lange galt: Wer diese Grenzen infrage stellt, ist gefährlich, wird verfolgt oder totgeschwiegen.
Dabei gibt es immer schon Menschen, die mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kommen und so durch die Raster "Mann" oder "Frau" fallen. Bei Alex Jürgen, 1976 in Steyr geboren, trug das Krankenhaus in die Anzeige der Geburt beim Feld Geschlecht „unklar“ mit einem Fragezeichen ein; später kehrte es in den Akt zurück, strich das durch und schrieb „männlich“ hinein. Wenige Jahre danach rieten die Ärzt:innen den Eltern, das Kind als Mädchen zu erziehen. Es folgten die Amputation der Geschlechtsorgane und Hormonbehandlungen. Medizinisch notwendig war davon nichts, sagt Benedik: Es ging darum, einen Körper sozialen Vorstellungen anzupassen. Der Dokumentarfilm Tintenfischalarm von Elisabeth Scharang machte diese Gewalt 2006 öffentlich.
Nach langen Kämpfen um Sichtbarkeit und ganz konkret darum, einen nicht-eindeutigen Geschlechtseintrag in Dokumenten offiziell möglich zu machen, kam es 2018 zu einer Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs: Intergeschlechtlichkeit ist eine Realität. Die schon bestehenden Gesetze verlangen zwar eine Angabe zum Geschlecht, beschränken sie aber nicht auf F oder M. Damit war der Eintrag X im Pass möglich.
So wichtig diese offizielle Anerkennung auch ist, für Alex Jürgen bleibt der Pass ein Etappensieg: Solange Kinder ohne medizinischen Grund operiert werden können, ist das eigentliche Ziel nicht erreicht.
Dass ein so aktuelles Objekt ins Museum kommt, ist im hdgö Programm: Unter der Devise „History is now“ fragt das Haus, was in der Gegenwart relevant ist. Gezeigt wurde der Pass in der Ausstellung „Heimat großer Töchter. Zeit für neue Denkmäler“, die Benedik gemeinsam mit Marianna Nenning kuratiert hat.
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