Über den Bäumen des Praters dreht es sich seit 1897, gemächlich, mit 2,7 Kilometern pro Stunde: das Wiener Riesenrad. Sein höchster Punkt liegt 64,75 Meter über dem Boden. Gebaut wurde es für ein Kaiserjubiläum, von einem Engländer, und es hat zwei Weltkriege, eine Abbruchgenehmigung und einen Brand überstanden.
Ein englisches Rad für den Kaiser
1897 entstand das Rad im Vergnügungspark „Venedig in Wien“. Den hatte Theaterdirektor Gabor Steiner 1895 auf dem Gelände des ehemaligen Kaisergartens im Prater eröffnet, nach Plänen des Architekten Oskar Marmorek. Anlass für das Riesenrad war das 50. Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph, das im Jahr darauf gefeiert wurde.
Geplant hat es der englische Ingenieur Walter Basset Basset gemeinsam mit Harry Hitchins, Chefingenieur war Hubert Cecil Booth – derselbe Booth, der 1901 seine ersten Patente für einen motorbetriebenen Staubsauger bekam. Der Bau dauerte acht Monate. Am 25. Juni 1897 drehte sich das Rad zum ersten Mal, wenn auch nur eine halbe Runde, am 3. Juli 1897 wurde es feierlich eröffnet. Damals hingen 30 Waggons am Rad.

Zahlen und Rekorde
Der Durchmesser beträgt 60,96 Meter, der drehende Teil wiegt knapp 245 Tonnen, alle Eisenteile zusammen rund 430 Tonnen. Eine volle Umdrehung dauert ohne Halt gut vier Minuten. Nachdem das Riesenrad im englischen Blackpool 1928 abgebaut worden war, war das Wiener Rad das höchste der Welt – bis 1985 im japanischen Tsukuba ein 85 Meter hohes Rad dazukam.
Schon früh wurde das Rad zur Bühne für Spektakel. 1914 fuhr die Zirkusdirektorin Madame Solange d’Atalide für einen Film eine Runde mit – auf einem Pferd sitzend, oben auf dem Dach eines Waggons.
Enteignet, arisiert, ausgebrannt
Im Ersten Weltkrieg wurde der britische Eigentümer enteignet. 1916 gab es bereits eine Genehmigung zum Abbruch, umgesetzt wurde sie nur aus Geldmangel nicht. 1919 kaufte der Geschäftsmann Eduard Steiner das Rad. Nach dem „Anschluss“ 1938 nahmen ihm die Nationalsozialisten das Riesenrad und seinen gesamten Besitz weg, ein Jahr später wurde das Rad unter Denkmalschutz gestellt. Eduard Steiner wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1944 gemeinsam mit seiner Frau in Auschwitz ermordet.

1944 brannte das Riesenrad im Krieg aus, nur das Stahlgerüst blieb stehen. Der Wiederaufbau begann 1945, zur selben Zeit wie jener von Stephansdom, Staatsoper und Burgtheater. Am 25. Mai 1947 drehte sich das Rad wieder, aus Kostengründen aber nur mit 15 statt 30 Waggons, und die hatten vier statt sechs Fenster pro Seite. 1953 wurde das Riesenrad an drei Erben der Familie Steiner zurückgegeben. Heute betreibt es ein Unternehmen der Familie Lamac.
Der dritte Mann und das Rad heute
Weltberühmt machte es 1949 der Film „Der dritte Mann“ von Carol Reed: Eine lange Szene mit Orson Welles als Harry Lime spielt in einem Waggon des Riesenrads. 2016 nahm die Europäische Filmakademie das Rad in ihre Liste der „Schätze der europäischen Filmkultur“ auf. Im selben Jahr bekam es 15 neue Waggons, nachgebaut nach den Plänen von 1896/97 und wieder mit sechs Fenstern pro Seite.
2020 stand das Rad wegen der Corona-Pandemie erstmals seit 73 Jahren still, am 29. Mai 2020 ging es wieder in Betrieb. Mehr über den Wurstelprater zeigt ein paar Schritte weiter das Pratermuseum. Viele historische Ansichtskarten und Fotos des Riesenrads bewahrt das Wien Museum auf.
Wiener Riesenrad · Riesenradplatz 1, 1020 Wien. Öffnungszeiten und Preise auf wienerriesenrad.com.
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