Im Deix-Archiv steht ein weißer Schrank mit schmalen Schubladen. Wer eine davon aufzieht, sieht ein Aquarell, das nicht für die Wand gedacht war, sondern für den Blick aus der Nähe. In einer dieser Laden liegt ein Blatt von 1989. Es trägt den Titel „Verlassene Ehemänner“.
Gottfried Gusenbauer, künstlerischer Direktor des Karikaturmuseums Krems, zieht es gern heraus. Das Haus hat sich der Karikatur verschrieben, von der politischen Zeichnung über die humoristische Illustration bis zum Comic, und das Deix-Archiv gehört zu seinem Kern: über 50 Originale sind ganzjährig zu sehen, dazu ein digitales Archiv, in dem einzelne Blätter kommentiert und beschrieben werden. Gezeigt wird der Bestand nicht als abgeschlossener Nachlass, sondern als Sammlung, an der weitergearbeitet wird.
Manfred Deix führt auf diesem Blatt durch, was Männern zustoßen kann, deren Ehe zu Ende geht. Da sitzt der Vereinsamte mit einem Achterl Rotwein und weiß nicht weiter. Daneben Weinkrämpfe und Depression. Dann die Gegenbewegung: sexuelle Maßlosigkeit, ein Kumpan, der Frauen auf der Straße unter den Rock greift. Weiter hemmungslose Trunksucht, krankhafte Muttersehnsucht, Infantilität – der erwachsene Mann, zurück bei der Mutter und damit, wie er meint, von der bösen Ehefrau befreit. Am Ende der Reihe stehen körperliche Erkrankung, Mord und Suizid. Jede Stufe dieses Absturzes ist in ihrer jeweils verrücktesten Form ausgeschmückt, und trotzdem wirken die Figuren wie Bekannte aus der Nachbarschaft.
Wenn die Ordnung wegbricht
Gezeichnet ist das komisch, und es wirkt auch so. Gusenbauer liest darin trotzdem etwas anderes mit:
Dieses Bild könnte man eins zu eins übernehmen, zum Beispiel als Eingangskarikatur, wenn man über Femizide spricht.
Zu lachen gibt es bei diesem Thema nichts, und trotzdem gibt es Karikaturen dazu. Das Credo von Deix war, dass kein Thema tabu sein soll: Jedes habe das Recht, auch karikiert zu werden. Aus der Bildreihe liest Gusenbauer eine Ansage über Geschlechterrollen und über die Rollen, die eine Gesellschaft vergibt. Wenn Männer bis zum Äußersten gehen, könnte das damit zu tun haben, dass ihr Bild von sich selbst nicht mehr trägt und sie sich in dieser Gesellschaft nicht mehr zurechtfinden. Die patriarchale Ordnung, die ihnen ihren Platz zugewiesen hat, hält im Moment ihres Zusammenbruchs nichts mehr.
Dem Vorwurf, Deix habe seine Figuren übersexualisiert dargestellt, hält Gusenbauer entgegen, dass dieser vor nichts haltmachte und das Leben zeigte, wie es ist – und dass die Wirklichkeit ohnehin ärger sei, als eine Zeichnung sie überhaupt darstellen kann. Genau darin liegt für ihn das Erfolgsrezept: Deix nannte die Dinge beim Namen und stellte sie so hart dar, wie er sie sah. Präzise ist die Ausführung dabei immer. Er war ein Meister seiner Technik, roh und derb im Motiv, meisterhaft im Aquarell.
Inzwischen sind seine Figuren auch in Bewegung geraten. „Rotzbub – Der Deix-Film“ hat sie in Animation übersetzt und dreidimensional dargestellt; Vorlage waren dabei die Blätter aus dem Archiv. Dieselbe Kunst, die einst das Museum in Krems angestoßen hat, bekommt damit eine zweite Form. Gusenbauer selbst bevorzugt das stehende Bild: Wer sich in eine Zeichnung hineindenkt, statt ihr beim Ablaufen zuzusehen, bekommt die Aussage mit voller Kraft. Und muss die Frage, was er da eigentlich komisch findet, selbst beantworten.
IM MUSEUM


