1925 rollen im südburgenländischen Langzeil angeblich Kartoffeln die Kellerstiege hinauf. Äpfel fliegen gegen Wände, Besteck kommt aus der Schublade und schwebt durch die Luft. In der Mitte dieser Erzählungen steht ein 14-jähriges Dienstmädchen, das bei einem Bauern arbeitet: Wilma Molnar. Wo sie hingeht, gerät der Hausrat in Bewegung – so erzählen es die Leute im Dorf, so schreiben es die Zeitungen, die ohnehin nur weitergeben, was ihnen zugetragen wird.
Der Aufruhr bleibt nicht im Burgenland. Zuerst holt Elisabeth Windisch-Graetz das Mädchen zu sich auf ihr Schloss – Enkelin von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth, Tochter des Kronprinzen Rudolf, später als Elisabeth Petznek Sozialdemokratin und interessiert an Magie, Okkultismus und Geisterbeschwörung. Danach nehmen sich Wissenschaftler der Universität Wien der Sache an, unter ihnen der Physiker Hans Thirring.
Die Journalistinnen Irmi Wutscher und Anna Masoner haben diesen Fall gemeinsam mit der Religionswissenschaftlerin Kerstin Tretina recherchiert. Der Anstoß kam aus einer Biografie über Petznek, die Wutscher gelesen hat: Da kommt Wilma in die Schlossküche, alles tanzt um sie herum – und das steht dort einfach als Tatsache. Masoner, die sich mit Wissenschaftsgeschichte beschäftigt, kannte das Feld aus einer anderen Richtung: Für ihre Diplomarbeit über die Fotografiegeschichte des 19. Jahrhunderts war sie auf Versuche gestoßen, Geister zu fotografieren.
Ganz trocken wissenschaftlich
Dass sich in den 1920er-Jahren ein Physiker für ein Dienstmädchen aus dem Südburgenland interessiert, ist weniger abwegig, als es heute klingt. Viele Disziplinen waren damals jung – die Psychologie gibt es als eigenes Fach erst seit dem späten 19. Jahrhundert –, und Forscher arbeiteten universeller, ohne die scharfen Fachgrenzen von heute. Gleichzeitig war vieles neu und schwer einzuordnen: Elektrizität, Röntgenstrahlen, die Relativitätstheorie. Wer erlebt hatte, dass Strahlen Materie durchleuchten, konnte sich auch andere unbekannte Naturkräfte vorstellen. Übernatürlich musste das nicht sein.
Genau so gingen die Untersuchungen an die Sache heran, sagen Wutscher und Masoner: nicht als Geisterjagd, sondern als Messproblem. Da gibt es Menschen, die möglicherweise Messer durch die Luft schweben lassen – „schauen wir uns das jetzt einfach ganz trocken wissenschaftlich an und versuchen herauszufinden, wie die das eigentlich machen“. In Thirrings Nachlass fanden die drei die Unterlagen dazu. Die Versuchspersonen saßen in Käfigen, Netze lagen über ihren Händen, am Tisch waren Leuchtdioden angebracht. Aufgezeichnet wurde mit Tonwalzen und Kameras, in der Hoffnung, die neue Technik werde endlich festhalten, was da passiert.
Nur: Es funktionierte immer bloß im Halbdunkel. Auch die rationalste Anordnung behielt damit etwas vom Spektakel, das sie eigentlich prüfen sollte.
Zehn Wilmas
Dass ausgerechnet die 1920er-Jahre so hungrig auf das Unerklärliche waren, hat Vorläufer. Die erste große Spiritismus-Welle ging Mitte des 19. Jahrhunderts von den USA aus, von den berühmten Fox Sisters, die mit Klopfzeichen hinter der Wand mit angeblichen Geistern kommunizierten; die zweite folgte in den 1920er-Jahren. Beide fielen in Zeiten nach Kriegen und großen Umwälzungen. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten viele Menschen Verwandte und Freunde verloren, die sie nie wiedergesehen hatten – Kontakt ins Jenseits konnte auch ein Abschiedsritual sein. Und es war Unterhaltung: Séancen waren Shows, manche Veranstalter kamen aus dem Zirkus und gingen später zum Film.
Was den beiden bei den Versuchsprotokollen auffiel, war eine Schieflage. Untersucht wurde von Professoren, Intellektuellen, Adeligen und ehemaligen Adeligen; herangekarrt und untergebracht wurden junge Menschen, viele davon Frauen, meist vom Land und aus ärmeren Verhältnissen. Auffällig ist auch, wie selbstverständlich unterstellt wurde, ein Dienstmädchen könne so etwas gar nicht selbst inszeniert haben: Für einen großen Zaubertrick, so das Vorurteil, brauche es Bildung.
„Wir haben zehn Wilmas, und eine davon stimmt vielleicht – oder vielleicht stimmt keine.“
An telekinetische Kräfte glauben die drei nicht, ausschließen wollen sie nichts. Denkbar wäre eine Krankheit – Wilma Molnar starb später an einem Nervenleiden – mit Anfällen, die Umstehende als Ursache dessen deuteten, was um sie herum passierte. Denkbar sind Schaustellertricks. Denkbar ist auch, dass Menschen, die unbedingt wollten, dass etwas geschieht, sich das gemeinsam eingeredet haben: „Wenn man es so richtig glauben will, dann glaubt man es auch.“ Fliegende Kartoffeln erwartet heute niemand mehr. Medien, die man anruft, um sich von etwas zu befreien, gibt es dagegen wieder reichlich – nur klingt das, was sie versprechen, deutlich weniger spektakulär.
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