Auf allen zehn Fotos wiederholt sich dasselbe Muster: eine Frau, umgeben von Männern. Surrealismus, Bauhaus, Dada – die Gruppenporträts der Avantgarden des 20. Jahrhunderts wirken wie Beweisstücke für Aufgeschlossenheit, und genau deshalb hat Anna Artaker sie sich vorgenommen. Ihre Werkserie Unbekannte Avantgarde von 2008 gehört zur Sammlung des Belvedere: zehn historische Aufnahmen, alle unterschiedlich groß, in weißem Passepartout und schwarzem Rahmen.
Katja Stecher aus der Kunstvermittlung des Belvedere führte im Belvedere 21 durch die Sammlungspräsentation Avantgarde und Gegenwart. Die Sammlung Belvedere von Lassnig bis Knebl, die von 2021 bis 2023 rund 140 künstlerische Positionen aus der Sammlung des Belvedere und der Artothek des Bundes zeigte. Der Kuratorin Luisa Ziaja sei dabei wichtig gewesen, die Mechanismen der Kunstgeschichtsschreibung mit ihren Aus- und Einschlüssen offenzulegen. Genau dort setzt Artaker an. Die 1976 in Wien geborene Künstlerin fragt, welche Rolle die Fotografie in der Geschichtsschreibung einnimmt – welche Bilder also herangezogen wurden, um eine bestimmte Erzählung zu konstruieren und weiterzugeben.
Jedes dieser Gruppenfotos ist selbst schon das Dokument einer gelungenen Inszenierung: Es hat, ebenso wie die Porträtierten, Eingang in die Kunstgeschichte gefunden. Die eine Frau darauf wirkt dann weniger wie ein Mitglied als wie ein Beleg. Sie nehme, sagt Stecher, eher die Rolle einer Quotenfrau ein – und die Fotografien führen damit jene Ausnahmestellung vor, die Künstlerinnen im Kanon zugewiesen wurde.
Artaker hat recherchiert, wer fehlt. Rechts neben den Fotografien steht eine Bildlegende, in der den Silhouetten der Abgebildeten die Namen jener Künstlerinnen zugeordnet sind, die die richtungsweisenden Ideen dieser Bewegungen mitgetragen haben, ohne in den Kanon zu gelangen.
Wie das aussieht, lässt sich an der Pariser Dada-Gruppe zeigen, die Man Ray 1922 fotografiert hat: acht Personen in zwei Reihen, darunter Tristan Tzara, Philippe Soupault, Jacques Rigaut und Georges Ribemont-Dessaignes. Paul Éluard hält ein Foto von Man Ray in die Kamera, also des Mannes, der auslöst. Die einzige Frau ist Céline Arnauld. In der Legende daneben stehen an denselben Stellen andere Namen: Emmy Ball-Hennings, Kabarettistin und Schriftstellerin, Maria d’Arezzo, Lyrikerin, Suzanne Duchamp, Malerin, dazu Hannah Höch, Mina Loy, Sophie Taeuber und Mary Wigman. Nur an der Stelle, an der die tatsächlich abgebildete Frau sitzt, steht „unbekannt“.
Der Umweg über Dada ist kein Zufall. Die Bewegung, die 1916 im Zürcher Cabaret Voltaire begann, war die erste große Antikunstbewegung: Sie lehnte die gesellschaftspolitische Ordnung ab, griff den herrschenden Kunstbegriff an und stellte die Idee über das Werk. Kunst konnte aus allem entstehen, auch aus dem Banalsten – Marcel Duchamp erklärte 1917 ein gekauftes Urinal zum Kunstwerk. Eine Bewegung also, die alles infrage stellte, nur eine Ordnung nicht.
Artaker dokumentiert die vergessenen Künstlerinnen und schließt damit eine Lücke im etablierten Kanon. Was von ihren zehn Bildern bleibt, ist allerdings auch eine unangenehm vertraute Komposition: sehr viele Herren, dazwischen genau eine Frau. Die Gruppenfotos der Avantgarde von gestern sehen aus wie die Aufsichtsratsfotos von heute.
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