Eine Zitrone, in die immer wieder eine Nadel gestochen wird. Gläser, die in einem Wiener Kaffeehaus zu einem Kreis gestellt werden, während eine Frau in aller Langsamkeit Milch hineingießt. Dieselbe Frau später auf dem Balkon der Hofburg, von dem aus Hitler 1938 zu einer jubelnden Menge sprach: Ihr Tanz ist vom Bauchtanz inspiriert, das Schütteln des Kopfes erinnert an Formen des Widerstands und der Austreibung.
„Und der Himmel klärt sich auf (Magic Resistance)“ heißt das gut zwanzigminütige Video von 2018, das Katja Stecher, Kunstvermittlerin im Belvedere 21, vorstellt. Fünf Darstellerinnen – Songül Boyraz, Renée Gadsden, Esra Emine Demir, Maruša Sagadin und Claudia Slanar – vollführen darin künstlerisch-magische Rituale an historisch aufgeladenen Orten in Wien, um sie zu reinigen und zu heilen.
„Heute wollen wir gemeinsam mit Borjana Ventzislavova die Geister des Faschismus vertreiben.“
Ventzislavova, 1976 in Sofia geboren, hat an der Universität für angewandte Kunst Wien studiert und lebt in Wien. Ihre Darstellerinnen arbeiten mit Eiern als Symbol des Lebens, mit Milch, mit einem Wedel aus regenbogenfarbenen Bändern. Die Rituale haben die Teilnehmerinnen teils selbst erfunden, teils folgen sie Anweisungen der Künstlerin, die sich in ihrer Recherche auf indigene Völker, auf Traditionen des Balkans, der Roma und des Voodoo bezieht. Eine Protagonistin jagt die bösen Geister die Donau entlang aus der Stadt; über die Bilder legt sich die Stimme von Susanne Schuda, die einen Ritualtext spricht. Weitere Schauplätze sind das Innenministerium, das zur Drehzeit 2018 der FPÖ-Politiker Herbert Kickl leitete, das Parlament und Orte der Judenverfolgung im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Entstanden ist die Arbeit für eine Gedenkveranstaltung zum sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich.
Zu sehen ist die Arbeit in der Ausstellung „Avantgarde und Gegenwart. Die Sammlung Belvedere von Lassnig bis Knebl“, die Werke von mehr als hundert Künstler:innen aus der Sammlung des Belvedere und der vom Haus verwalteten Artothek des Bundes zusammenführt. Der Kuratorin Luisa Ziaja war der kritische Blick auf die eigene Sammlung wichtig – in Österreich heißt das vor allem: auf jene Werke, die während der NS-Zeit durch Arisierung, den Raub jüdischen Eigentums, in die Bestände gelangten. Diese Auseinandersetzung setzte spät ein, ausgelöst 1986 durch die Waldheim-Affäre. 1991 räumte Bundeskanzler Franz Vranitzky eine moralische Mitverantwortung Österreichs für die Verbrechen des Nationalsozialismus ein, Ende der 1990er-Jahre machte das Kunstrückgabegesetz Restitutionen aus den Bundesmuseen überhaupt erst möglich. Sammlungen, sagt Stecher mit Walter Benjamin, seien nie ein Dokument der Kultur, ohne zugleich eines der Barbarei zu sein.
Am Ende steht noch einmal Benjamin. In seinem Text über den Begriff der Geschichte beschreibt er eine kleine Zeichnung von Paul Klee, die er 1921 erworben hatte: den Angelus Novus, einen Engel mit aufgerissenen Augen, der verweilen möchte, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen – den aber ein Sturm vom Paradies her forttreibt. Benjamin schreibt das 1940 im Pariser Exil, die Zeichnung hat ihn dorthin begleitet. Die Geister, die Ventzislavovas Darstellerinnen austreiben, sind nicht nur historische. Der Sturm weht weiter.
Shownotes
Mehr auf immuseum.at
IM MUSEUM


