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January 24, 2023
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Hermesvilla

Hermesvilla in Wien: die Lichtfee Peri als Selbstbild einer Kaiserin

Gleich hinter dem Eingang der Hermesvilla liegt eine Frau aus weißem Marmor auf Wellen. Kuratorin Michaela Lindinger liest in der Lichtfee Peri ein Selbstbild von Kaiserin Elisabeth – bis hin zum Anker, den man erst beim Umrunden sieht.

Hermesvilla in Wien: die Lichtfee Peri als Selbstbild einer Kaiserin
Bild: Wien Museum

Wer die Hermesvilla sehen will, muss erst durch den Wald. Der Lainzer Tiergarten ist ein umzäuntes Stück Wienerwald am westlichen Stadtrand, in dem Rehe und Wildschweine leben; mitten darin steht ein Haus, das Kaiser Franz Joseph I. seiner Frau bauen ließ. Gleich hinter dem Eingangsportal, noch vor allen Prunkräumen, liegt eine junge Frau aus weißem Marmor auf Wellen: Schmetterlingsflügel, sehr langes Haar, ein Kind im Arm, ein sternenbesetztes Tuch um sich. Sie scheint zu schweben.

Die Figur heißt Peri, nach einem Lichtwesen aus der persischen Mythologie. Für Michaela Lindinger, Kuratorin im Wien Museum und für die Hermesvilla zuständig, ist sie kein dekoratives Beiwerk, sondern der aufschlussreichste Gegenstand im ganzen Haus: „Man kann sagen, es ist ein Selbstbild der Kaiserin.“

Bemerkenswert ist das, weil die Hermesvilla nie ganz Elisabeths Ort war. Carl von Hasenauer baute sie zwischen 1882 und 1886 im Auftrag des Kaisers – ein Refugium, das ihr geschenkt und nicht von ihr entworfen wurde. Sie kam durchaus regelmäßig, meist im Mai oder Juni und meist für zwei bis vier Wochen, auch noch 1898, im Jahr ihres Todes. Geliebt hat sie das Haus nach Lindingers Einschätzung nicht.

Ihr eigenes Projekt lag anderswo. Auf Korfu ließ sie sich ab 1890 das Achilleion errichten und richtete es, anders als die Hermesvilla, selbst ein: Möbel, Kunstwerke und Ausstattung suchte sie aus und ließ sie per Schiff nach Griechenland bringen. Warmes und kaltes Wasser, elektrisches Licht – das Schloss war auf dem neuesten Stand und entsprechend teuer. Kaum war es fertig, wollte sie es wieder verkaufen, zum Unmut ihres Mannes, der die Rechnungen kannte.

„Kaiserin Elisabeth hat so gelebt, dass sie sich hauptsächlich für den Weg und weniger für das Ziel interessiert hat.“

Peri kam auf genau diesem Umweg nach Wien. Die Statue war für das Achilleion gekauft worden; als das Schloss später ausgeräumt wurde, gelangte ein Teil der Einrichtung in die Hermesvilla, darunter diese Figur. Seither steht im Vestibül ein Objekt, das von einem anderen, gewollteren Ort erzählt.

Ein Selbstbild aus Haar und Erinnerung

Lindingers Deutung stützt sich auf Details, nicht auf Stimmungen. Die Peri ist in der persischen Überlieferung eine Frau, die ihre Kraft aus dem Haar bezieht – ein Zug, der Elisabeth auffallen musste. Ihr eigenes Haar reichte bis zu den Fersen, sie ließ es praktisch nie schneiden und trug es in aufwendigen Zopffrisuren aufgesteckt. Im Marmor sah sie offenbar eine jüngere Fassung ihrer selbst: das lange Haar, die Leichtigkeit, die entrückte Frauengestalt. Beim Kauf war sie bereits über 50. Die Figur blickt also zurück, rund zwei Jahrzehnte weit.

Dazu passt das Kind im Arm. Lindinger bringt es mit Marie Valerie zusammen, Elisabeths jüngster Tochter und dem einzigen ihrer Kinder, dessen Erziehung sie selbst überwachte; die älteren waren von ihrer Schwiegermutter am Hof aufgezogen worden. Bei der Geburt Marie Valeries war Elisabeth 30 und selbstbewusst genug, das durchzusetzen. Als die Tochter 1890 heiratete, erlebte sie das als Verlust – so beschreibt es Lindinger: als werde ihr das Kind weggenommen. Die Peri hält fest, was gerade fortging.

Der Anker, den man erst beim Umrunden sieht

Das sprechendste Detail ist zugleich das versteckteste. An der Figur findet sich ein Anker; wer nicht um den Marmor herumgeht, übersieht ihn. Er verweist zunächst auf Elisabeths Rastlosigkeit: In ihren letzten zehn Lebensjahren war sie fast ununterbrochen unterwegs, überwiegend auf See. Und er verweist auf eine Episode, die bis heute erstaunt. Zwischen ihrem 50. und 52. Lebensjahr ließ sich die Kaiserin einen Anker auf die Schulter tätowieren, wahrscheinlich, wie Lindinger vermutet, in einer Hafenspelunke. Tätowierungen waren damals in Mode, auch im Adel – bei Frauen allerdings kaum. Ihrem Mann und Marie Valerie zeigte sie das Motiv, beide waren entsetzt. Die Untertanen bekamen es nie zu sehen.

Im 19. Jahrhundert stand der Anker noch für etwas anderes: für den Tod, für die letzte Verankerung. Nimmt man dazu, dass Elisabeth in diesen Jahren fast nur noch Schwarz trug und sich wie eine Mater Dolorosa durch die Welt bewegte, wird aus dem maritimen Motiv ein Hinweis auf ihre Seelenverfassung. Die Peri ist dann keine liebliche Fee mehr, sondern eine Verdichtung aus Selbstentwurf und Melancholie.

Eine Eigenschaft der Statue zieht das Ganze schließlich ins Praktische zurück: Sie lässt sich drehen. Peri steht im Vorraum zum Speisesaal, in dem offizielle Empfänge stattfanden, unter anderem für den russischen Zaren. Je nach Anlass konnte man die Figur so ausrichten, dass sie in den Speisesaal blickte. Ein privater Rückzugsort, der jederzeit Bühne werden konnte: Das ist die Hermesvilla in einem Bild. Und mittendrin, beweglich aufgestellt, eine Frau aus Marmor, in der sich die Bewohnerin selbst erkannte.

Die Statue der Lichtfee Peri ist in der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten zu sehen. Das Haus gehört seit 1979 zum Wien Museum.