Im Eck des Schlafzimmers steht eine Frauenfigur mit Kapuze, das Gesicht aus der Entfernung kaum zu erkennen, in der Hand einen geknickten Olivenzweig – ein Symbol für den Tod. Früher wurde die Figur von unten grün angestrahlt und sah aus wie aus einem Gothic-Horrorfilm. Sie ist aus bronziertem Gips, stammt aus dem Jahr 1894, heißt Melancholia, und Kaiserin Elisabeth hat sie selbst angekauft, eigens für diesen Raum.
Die Hermesvilla im Lainzer Tiergarten ließ Kaiser Franz Joseph in den 1880er-Jahren für seine Frau errichten, gedacht als Alterssitz. Michaela Lindinger, Kuratorin am Wien Museum und für das Haus zuständig, führt durch das Schlafzimmer, dessen Ausstattung bis zur Deckengestaltung der Kaiser beauftragt hatte. Rechts vom Bett liegt eine Tür, dahinter eine schmale Wendeltreppe: Elisabeth konnte das Haus verlassen und betreten, ohne den Haupteingang zu benutzen. Dass sie nicht gesehen werden wollte, war eingeplant.
Das wertvollste Objekt der Villa steht ebenfalls hier: ein riesiges Bett aus der Zeit Maria Theresias, aus einer Poststation in Strengberg, in dem die Regentin auf ihren Fahrten durch das Reich übernachtet hatte. Elisabeth hat darin nie geschlafen. Auf dem Bett prangt ein Doppeladler, und wer ihre Gedichte kennt, weiß, wie wenig sie sich mit den Habsburgern identifizierte. Sie stellte ein schmales Eisenbett an die Fensterwand, riss die Fenster auf und schlief dort, nach den Regeln der Lebensreformbewegung, die kalte Nachtluft empfahl. Über 50 war sie damals.
Man kann durchaus sagen, dass Elisabeth zu dieser Zeit bereits an einer Depression gelitten hat. Depressionen nannte man damals melancholisch sein.
1889 verlor sie ihren einzigen Sohn, Kronprinz Rudolf. Lindinger geht davon aus, dass die Kaiserin um ihn trauerte und den Tod zugleich nutzte, um dem Hof endgültig fernzubleiben: nur noch schwarze Kleidung, ein schwarzer Schleier, ständiges Reisen, kaum Aufenthalte in Wien. Verfolgten sie Fotografen, hielt sie den Fächer vors Gesicht. Aus der Zeit nach ihrem 35. Lebensjahr existiert weder ein Foto noch ein Gemälde von ihr. Ihr Ziel, als ewig schöne Kaiserin in Erinnerung zu bleiben, hat sie damit erreicht.
Für Lindinger ist die Statue ein Selbstbild, das Elisabeth als Mater Dolorosa zeigt. Gefertigt hat sie Antonio Chiattone, ein Bildhauer, der sonst Grabfiguren schuf und später auch das Genfer Denkmal für die Kaiserin gestaltete – sitzend auf einem Thronsessel, den Blick über den See. Vermutlich sah Elisabeth ein kleines Modell und ließ es lebensgroß ausführen.
Die grüne Beleuchtung von unten hatte sie sich bei ihrem Großcousin Ludwig II. von Bayern abgeschaut, dessen Schlösser voller Effekte waren: versenkbare Tische, künstliche Grotten, alles beleuchtet, alles automatisch. Was in Linderhof Unterhaltung war, wird in der Hermesvilla zur Inszenierung eines Selbstbilds – aufgestellt in dem einen Raum, den außer der Kaiserin kaum jemand betrat.
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