Das Wichtigste an diesem Kleid ist nicht zu sehen. Innen im Oberteil, ins Futter gestickt, sitzt ein Delfin mit einer Krone. Er war kein Zierrat, sondern eine Adresse: Was diesen Delfin trug, gehörte nach Griechenland.
Michael Wohlfart, Kurator im Sisi Museum in der Wiener Hofburg, steht vor einem Originalkleid der Kaiserin Elisabeth aus der Korfu-Garderobe. Zwischen 1888 und 1892 ließ Elisabeth sich auf der griechischen Insel einen kleinen Palast bauen, das Achilleion, benannt nach Achilles, ihrem Lieblingshelden aus der griechischen Mythologie. Eingerichtet hat sie ihn selbst: Jedes Stück, sagte sie, habe sie persönlich gewählt und platziert. Alles, was für den griechischen Haushalt vorgesehen war, bekam den gekrönten Delfin als Erkennungszeichen. Auch die Kleider.
Getragen hat Elisabeth dieses Kleid mit etwa 55 Jahren, und es ist hell und farbig. Darin liegt der eigentliche Widerspruch. Denn die Erzählung geht, dass die Kaiserin nach dem Selbstmord ihres Sohnes Rudolf 1889 nur noch Schwarz getragen habe. Vier Kleider aus der Korfu-Garderobe besitzt die Sammlung inzwischen, alle nach 1892 entstanden, und keines davon ist schwarz. Gedämpfte Töne mochte Elisabeth ohnehin ein Leben lang, Blau und Lila schon als junge Frau; in ihrer Aussteuerliste stehen Kleider in Grau, Schwarz und Grün.
Wohlfart beschreibt eine Frau mit sehr klaren Vorstellungen davon, wie ihre Kleider auszusehen hatten. Sie gab Mode vor, viele Frauen versuchten ihren Stil zu kopieren – einem Modediktat unterwarf sie sich selbst nie. Sogar ihre Schwiegermutter Sophie bewunderte diese Garderobe, die sie schlicht und zugleich elegant fand, und fragte bei der Schwiegertochter um Erlaubnis, bei denselben Schneiderinnen arbeiten lassen zu dürfen. Ein Lieblingswort der Kaiserin, wenn sie ihre Garderobe anordnete, lautete: hochmodern.
Im Alter bevorzugte sie hochgeschlossene Kleider mit auffallend hohen, manchmal asymmetrisch gearbeiteten Krägen, oft mit Spitzen verziert, vorne ein blousonartiges Vorderteil mit eingearbeiteten Fichus, den Brusttüchern. Dazu breite, hohe Gürtel mit ziselierten Metallschließen oder auffallend gestalteten Knöpfen. Hier ist es ein lilafarbener, der die Taille zur Geltung bringt; sie maß etwa 50 bis 52 Zentimeter. Die Seidenstiefletten daneben, ebenfalls mit Spitzen besetzt, messen 26 Zentimeter, das entspricht heutiger Schuhgröße 41. Die Kaiserin, sagt Wohlfart trocken, lebte wirklich auf großem Fuß.
Präsentiert wird das Kleid auf einer originalen Schneiderpuppe in den Maßen der Kaiserin. Solche Puppen ersparten Elisabeth die Anwesenheit bei den Näharbeiten; sie kam erst zur letzten Anprobe, wenn nur noch Änderungen anstanden.
„Man bekommt fast ein gruseliges Gefühl, weil man glaubt, sie steht wirklich im Raum, sie steht vor einem.“
Von den aus der Distanz aufgenommenen Paparazzi-Fotos der letzten Lebensjahre führt eine direkte Linie zu diesen Puppen: Vergleicht man beides, erkennt man dieselbe Frau. Wer heute vor dem Kleid steht, schätzt es kaum auf 130 Jahre. Es sieht, um bei Elisabeths Lieblingswort zu bleiben, immer noch hochmodern aus.
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