Manchmal liegt ein Jahrhundert in einem kleinen Koffer. Im Sisi-Museum in der Wiener Hofburg steht die Reiseapotheke von Kaiserin Elisabeth: Leder, Silberdekor, Tragegriff, darauf das gekrönte E und die schlichte Aufschrift „Handapotheke“. Was zunächst wie ein elegantes Reiseaccessoire wirkt, erweist sich bei näherem Hinsehen als erstaunlich dichter Gegenstand: Notfallset, Schmerzarchiv und ein Stück Medizingeschichte in einem.
Michael Wohlfahrt, im Museum als Sisi-Experte mit der Sammlung befasst, rückt diesen Koffer aus der Vitrine der Kuriositäten in einen konkreten historischen Zusammenhang. Die Apotheke war am 10. September 1898 in Genf bei Elisabeth, als sie dem Attentat zum Opfer fiel. Sie ist also nicht bloß Besitz der Kaiserin, sondern Teil eines letzten, dramatischen Tages. Aus ihr wurde Elisabeth nach dem Angriff erstversorgt.
Gerade deshalb ist der Inhalt so aufschlussreich. Erhalten ist die Handapotheke mitsamt dem damaligen Bestand: Mullbinden, Pflaster, Flakons, Tabletten, Zuckerln. Vieles liegt noch originalverpackt da, ungeöffnet, als hätte jemand den Koffer für eine Reise gepackt, die nie ordentlich zu Ende ging. Diese fast unberührte Ordnung hat etwas Nüchternes. Sie zeigt weniger die große Kaisergeschichte als den banalen Umstand, dass auch eine Monarchin Kopfschmerzen bekam, Medikamente brauchte und unterwegs versorgt werden musste.
Besonders viel Aufmerksamkeit zieht die Kokainspritze auf sich. Heute klingt das nach Skandalvitrine, im 19. Jahrhundert war es ein gebräuchliches Medikament. Wohlfahrt beschreibt Kokain als damals übliche schmerzstillende, krampflösende und stimmungsaufhellende Substanz. Es wurde in verschiedenen Formen verabreicht, sogar an Kinder, etwa in Bonbons oder Zäpfchen. Auch intravenöse Injektionen gehörten zur medizinischen Praxis. Dass eine solche Spritze in Elisabeths Reiseapotheke liegt, sagt deshalb wenig über Exzess und viel über den damaligen Stand der Pharmazie.
Interessant ist, wie rasch ein heutiger Blick Moral produziert, wo historisch erst einmal Routine herrschte. Wohlfahrt weist darauf hin, dass nicht nur Damen der Gesellschaft, sondern auch Männer die Substanz spritzten. Kokain war kein geheimes Damenlaster, sondern Teil der Arzneikultur dieser Zeit. Dass Sigmund Freud in denselben Jahren damit experimentierte und den Stoff vor Vorträgen nutzte, markiert den Horizont dieser Epoche: Man versprach sich von solchen Mitteln Linderung, Leistungsfähigkeit und gute Stimmung. Von problematischen Folgen war wenig bekannt; erst nach 1900 geriet Kokain als Medikament in Kritik und verschwand allmählich aus den Apotheken.
Unter der Oberfläche erzählt dieser Koffer nicht nur von Elisabeth, sondern von einem medizinischen Alltag des Körpers. Migräne, Menstruationsschmerzen, Beschwerden in den Wechseljahren: Wohlfahrt verankert die Apotheke in körperlichen Erfahrungen, die in Herrschererzählungen gern verschwinden. Genau darin liegt der Wert des Objekts. Es ergänzt das Bild der ätherischen Kaiserin um eine sehr handfeste Tatsache: Der Hof reiste mit Medikamenten und Injektionsbesteck.
Am dichtesten wird die Geschichte bei einer unscheinbaren Schachtel Würfelzucker. Nach dem Attentat, als Elisabeth beim Besteigen des Schiffs ohnmächtig wurde, schob man ihr ein Stück Zucker in den Mund, getränkt mit Hoffmann’schen Tropfen. Dieses Mittel sollte anregen; tatsächlich kam sie noch einmal kurz zu sich. Ihre letzten Worte lauteten: „Was ist denn eigentlich geschehen?“ Der Würfelzucker in der geöffneten Schachtel ist damit kein Nebendetail, sondern ein erschütternd präziser Rest dieses Moments. Kaum ein Objekt im Museum verbindet medizinische Praxis, höfischen Alltag und Todesgeschichte so direkt.
Die Reiseapotheke ist also mehr als ein Reliquienbehälter aus der Welt der Habsburger. Sie zeigt, wie eng Intimität und Politik, Körper und Repräsentation, Fürsorge und Irrtum beieinanderlagen. In einem einzigen Koffer treffen sich die Hoffnungen einer historischen Medizin und ihre Blindstellen. Dass darin eine heute verbotene Substanz selbstverständlich neben Mullbinden und Bonbons liegt, wirkt nicht sensationell, sondern lehrreich: Die Grenze zwischen Heilmittel und Problemstoff ist historisch beweglicher, als die Gegenwart gern annimmt.
Zu sehen ist die Reiseapotheke von Kaiserin Elisabeth im Sisi-Museum in der Wiener Hofburg.
Bild: Sisi Museum
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