Um kurz nach acht ist das Kunsthistorische Museum Wien noch geschlossen, und der Weg hinein führt dort entlang, wo sonst die Lieferanten fahren. Im Hof steht ein Obelisk herum, als wäre er ein Poller. Gleich hinter der Einfahrt steht ein Steinsarg, an dem man beinahe vorbeigegangen wäre: der Sarkophag des Marcus Aurelius Valens, erste Hälfte des 3. Jahrhunderts. Florian Klenk, Chefredakteur des Falter, bleibt stehen und versucht, die lateinische Inschrift zu entziffern. „Man kommt da so rein und steht gleich neben einem Ding, das 2000 Jahre alt ist.“
Genau deshalb hat Klenk dieses Haus ausgesucht. Er komme sich hier immer vor, als wäre er in einer Zeitmaschine gelandet: Dinge anschauen, Menschen in die Augen sehen, Szenen betrachten, die vor 2000 oder 500 Jahren gemalt wurden. Entdeckt hat er das Museum spät. In der Schule sei ihm die Kunst eher verleidet worden – abmalen, benoten, „Nicht genügend“ quer über das Bild geschmiert. Erst mit den eigenen Kindern kam er wieder und stellte fest, dass die schon mit drei Jahren vor Bildern stehen blieben. Heute geht er hinein, wie andere kurz in eine Kirche gehen: einem Bild ins Gesicht schauen, wieder hinaus. Am liebsten in der Früh, wenn kaum jemand da ist.
Bei den Mumien liegen seine Lieblingsstücke: ein kleines einbalsamiertes Krokodil, ein großes, lauter Nilkrokodile – und eine Katzenmumie, deren Kopf noch gut zu erkennen ist. Vor keinem dieser Objekte muss man Schlange stehen, und das gefällt ihm. Dazu erzählt Klenk von Herodot, für ihn der erste Reporter der Welt: Der sei zu den Ägyptern gereist und habe notiert, dass die alles anders machen als die Griechen. Auch, wie man ein Krokodil fängt – ein Schwein ans Ufer stellen, es prügeln, bis es quiekt, Fleischstücke ins Wasser werfen. Vielleicht wurde dieses hier so gefangen, vielleicht auch nicht.
Nur ein einziges Ding anschauen
Wer ins Museum geht, erst recht mit Kindern, solle sich genau ein Objekt ansehen, rät Klenk. Eine Haarspange, eine mumifizierte Katze, eine Büste. „Mehr braucht man nicht.“ Mitleid habe er mit den Schulklassen, die auf Wien-Tagen durch 10.000 Bilder geschleust werden und darüber übersättigt sind. Wünschen würde er sich an jedem Objekt einen QR-Code mit der Geschichte dazu.
Dass er Bilder liest wie Akten, zeigt sich in Saal XIII der Antikensammlung. In Museen fotografiert Klenk gern Details – kleine Teufelchen, versteckte Szenen; das KHM-Projekt Inside Bruegel, das die Gemälde so hoch aufgelöst gescannt hat, dass man in einzelne Pinselstriche hineinfahren kann, findet er entsprechend schön. Hier hängen die Mumienporträts: bemalte Holztafeln, rund 2000 Jahre alt, gemacht für die Särge jener, die es sich leisten konnten – noble Leute, Beamte, Soldaten. Ein Mann mit graumeliertem Haar, dicken Augenbrauen und getrimmtem Dreitagebart, der aussieht wie George Clooney. Eine Frau mit Lockenfrisur und Ohrringen, an deren Tafel noch Reste der Mumienbinden kleben. Der Raum ist halbdunkel, es verirrt sich kaum ein Tourist hierher, man fängt fast zu flüstern an.
Was Mumifizieren heißt, hat Klenk von einem Gerichtsmediziner gelernt: im Grunde die Herstellung von Speck, das Wasser entzogen, das Fett noch da. Ob ihn tote Menschen interessieren? Nein, sagt er.
„Mich interessiert eigentlich nicht der Tote, sondern was in den letzten Minuten vor dem Sterben passiert ist. Und was ich anhand der Toten über die Lebenden herausfinden kann.“
Die biblischen Szenen hätten ihn immer überfordert. Was ihn an Bildern festhält, ist der Blick in die Gesellschaft: Malerei, die aus deren Ebene heraus entsteht und nicht nur aus der Perspektive des Herrschers. Ein Museum ist für ihn deshalb vor allem eine Zeitreise – und die Mumienporträts sind ihr genauester Punkt: Menschen, die vor 2000 Jahren jemanden angelacht haben und dabei aussahen wie wir, nur mit anderen Frisuren.
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