Zwei Männer, sehr nah. Der vordere im blauen Gewand, einen Kranz aus Weinblättern im Haar, wendet den Kopf, weil ihn jemand von hinten am Kragen packt. Der andere trägt knallrotes Tuch und ein Stück Rüstung. In seiner Hand, hinter dem Rücken verborgen, steckt ein Dolch. Der Angegriffene kann ihn nicht sehen. Das Publikum schon.
In Saal 8 der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums Wien, dem mittleren Saal, hängt Tizians „Der Bravo“, entstanden um 1515. Daniel Uchtmann, Kunsthistoriker und Kunstvermittler am Haus, beginnt beim Titel: Ein Bravo ist ein bezahlter Mörder.
Das Bild ist nicht groß, und es ist ein Halbfigurenbild – zu sehen sind die beiden nur von der Hüfte aufwärts. Das rückt das Geschehen dicht heran: Man müsste nur die Hand ausstrecken und wäre dabei, was in diesem Fall wenig verlockend ist. Der Angegriffene ist dem Publikum zugewandt, sieht es aber nicht an; sein Blick geht daran vorbei, zurück auf den Mann in seinem Rücken. Das Rot des Angreifers wirkt wie ein Signal, wie bei einem Stoppschild. Es steht für Bedrohung und für Blut, das gleich fließen könnte. Die Rüstung sagt, dass er sich vorbereitet hat.
Auch die Waffen sind ungleich verteilt. Der Angegriffene ahnt etwas und greift mit der Rechten an seine linke Seite, wo sein Degen sitzt. Nur braucht ein Degen Abstand, und Abstand ist keiner da, denn der Angreifer hält ihn ja fest. Ein Dolch dagegen ist die Waffe für genau diese Entfernung. Gleich werden die beiden auseinandergehen, um kämpfen zu können, und dann wird alles sehr schnell gehen.
Wer gewinnt, zeigt Tizian nicht. Genau daraus bezieht das Bild seine Spannung: Der Ausgang findet in der Vorstellung der Betrachter:innen statt, und die Sympathien sind dabei klar verteilt. Zugleich wird die Zeit selbst zum Thema. Es ist kein ewig gültiges Abbild eines Zustands, sondern ein Moment, der im nächsten schon vorbei ist.
„Es passiert jetzt gerade etwas in dieser Sekunde, aber gleich in der nächsten Sekunde wird schon wieder etwas anderes passieren.“
Das Kunsthistorische Museum besitzt, nach dem Prado in Madrid, eine der bedeutendsten Sammlungen venezianischer Malerei; Tizian war Hofmaler der Habsburger, und die Gemäldegalerie geht auf die kaiserliche Sammlung zurück. Von ihm sind hier Werke aus allen Lebensphasen zu sehen, aus einem ungewöhnlich langen Leben, dessen Anfang sich nicht genau datieren lässt. Geboren wurde er irgendwann in den 1480er Jahren, gestorben ist er 1576.
Ein Bild wie ein Actionfilm also, nur dass dieser Film in der Sekunde vor dem Zustoßen stehen bleibt. Was danach kommt, muss jede Generation von Betrachtenden neu entscheiden – und entscheidet sich nie.
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