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April 14, 2021
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KHM Wien

Zwei Erzfeinde auf einem Bild: Tizians „Ecce Homo“ im Kunsthistorischen Museum

Ein General Karls V. und Süleyman der Prächtige, Seite an Seite in einer Passionsszene: Marco Ricci führt zu Tizians „Ecce Homo“ im Kunsthistorischen Museum Wien – einem Bild, das die halbe Welt des 16. Jahrhunderts versammelt.

Zwei Erzfeinde auf einem Bild: Tizians „Ecce Homo“ im Kunsthistorischen Museum
Tizian, Ecce Homo, 1543, Kunsthistorisches Museum Wien · Public Domain, via Wikimedia Commons

Ganz rechts am Bildrand, fast außerhalb der Szene, stehen zwei Reiter nebeneinander. Der eine trägt Harnisch und zeigt mit erhobenem Arm quer über das Bild, der andere einen Turban. Der eine ist einer der wichtigsten Generäle Kaiser Karls V., der andere der mächtigste Sultan des Osmanischen Reiches. Mitten im Prozess gegen Jesus sitzen sie da wie in trauter Zweisamkeit.

Marco Ricci, Kunst- und Kulturvermittler am Kunsthistorischen Museum Wien, steht damit in Saal 8 der Gemäldegalerie, dem Tizian-Saal. Dort hängt das großformatigste Werk Tizians im Haus: „Ecce Homo“, 1543 datiert, gut zweieinhalb Meter hoch und dreieinhalb Meter breit. Tizian, im deutschen Sprachraum wie Leonardo oder Michelangelo nur beim Vornamen genannt, war der Staatskünstler der Republik Venedig. Sein Geburtsjahr ist unsicher, vermutet wird 1488 bis 1490; gestorben ist er hochbetagt 1576, als die Pest wieder in Venedig wütete – wahrscheinlich an ihren Folgen.

Der lateinische Titel bedeutet so viel wie „sehet diesen Menschen“: die Worte, mit denen Pontius Pilatus den gegeißelten Jesus der Menge in Jerusalem vorführt. Bei Tizian geschieht das nicht in der Bildmitte, wie es italienischem Geschmack entspräche, sondern am Rand. Das und die teils prägnante, teils gebrochene Farbgebung machen es zu einem manieristischen Werk – jener späten Phase der Renaissance, für die Tizian sonst nicht bekannt ist.

Interessanter als die biblische Handlung ist ohnehin die Besetzung. Tizian hat Freunde und Prominente seiner Zeit hineingemalt. Pilatus trägt die Züge Pietro Aretinos, eines bekannten Schriftstellers und Freundes des Malers, der selbst über die Menschlichkeit Christi und die zwischen Gut und Böse schwankende Figur des Pilatus geschrieben hatte. Der Hohepriester Kaiphas im Vordergrund, rot gewandet, glatzköpfig und nicht eben vorteilhaft dargestellt, soll den Dogen Pietro Lando zeigen; er verlangt stellvertretend den Tod Christi. Der Reiter im Harnisch ist Alfonso d’Avalos, der Mann mit dem Turban Süleyman der Prächtige. Eine Rückenfigur am unteren Bildrand hält einen Schild mit Doppeladler: der Verweis auf Karl V. und das Heilige Römische Reich. Und die weiß gekleidete junge Frau mit blondem Haar hält man für Lavinia, die Tochter des Malers.

Bestellt hat das Bild kein Venezianer, sondern Giovanni d’Anna, ein Kaufmann flämischer Herkunft, dessen Familie es in Venedig ins Patriziat geschafft hatte; aus dem flämischen van Haanen wurde dabei das italienische d’Anna. Das Querformat verrät den Zweck: kein Altarbild, sondern Wandschmuck für den Salon eines Palasts. Ecce-Homo-Darstellungen blieben im italienischen Kulturraum selten und waren eher eine nordeuropäische Vorliebe.

Diese Stadt stand im steten Austausch mit dem Orient.

Ricci verweist auf die Handelskontore, die es in Venedig für fast alle Nationen gab, den Fondaco dei Turchi ebenso wie den Fondaco dei Tedeschi. Dass ein Sultan, ein kaiserlicher General und ein Doge in derselben Passionsszene auftreten, ist deshalb weniger Willkür als Zeitgeschichte: ein Bild als Dokument der Globalisierung des 16. Jahrhunderts.