Es ist Nacht, und es hat geschneit. Auf den Dächern liegt eine dünne Schicht, der Boden ist weiß, und der Wind geht so scharf, dass Josef die Flamme seiner Kerze mit der Hand abschirmen muss. Mitten in dieser Kälte liegt ein nacktes Neugeborenes in einer Krippe, der Welt und dem Wetter ausgesetzt. Albrecht Altdorfers „Geburt Christi“ im Kunsthistorischen Museum Wien, um 1520/1525 auf Lindenholz gemalt, misst nur 44,5 mal 36,1 Zentimeter. Auf dieser Fläche gehen kosmische Dinge vor sich – und trotzdem strahlt das Bild größte Ruhe aus.
Daniel Uchtmann, Kunsthistoriker und Kunstvermittler am Kunsthistorischen Museum Wien, steht damit in Kabinett 16, einem kleinen Raum mit ebenso kleinen Tafeln altdeutscher Maler um 1500. Altdorfer, um 1480 in der Gegend von Regensburg geboren und 1538 dort gestorben, gehört zu den bedeutendsten Malern des südlichen deutschsprachigen Raums seiner Zeit und wird zur Donauschule gezählt – keine Institution und nicht einmal eine wirkliche Gruppe, sondern Künstler, die entlang der Donau arbeiteten und der Landschaft einen expressiven Wert verliehen.
Bäume, Felsen, alles, was sich im Himmel abspielt, wird Träger von Gefühlen, von Ausdruck.
Eine Nachtszene war damals eine technische Zumutung: Malerei arbeitet mit Licht und Farbe, in der Nacht vergrauen die Farben und der Himmel wird schwarz. Das Bild gehört zu den frühen Nachtdarstellungen und zu den frühesten, auf denen Schnee liegt. Das Licht bringt nicht Josefs Kerze, sondern das Kind selbst: Am Kopftuch Marias lässt sich ablesen, dass Jesus zur Lichtquelle wird, das Licht der Welt. Weit hinten geht über schroffen Bergen die Sonne auf, der Himmel wechselt von tiefem Schwarz zu Rot, Orange und Gelb. Ganz oben öffnet er sich zu einem Kranz aus Licht, in dem sich winzige Engel tummeln, kaum größer als Schneeflocken.
Die Heilige Familie sitzt vor einem bewachsenen Felsen, daneben ruinöse, palastartige Architektur: ein Hinweis auf das Haus David, aus dem Josef und Maria der Überlieferung nach stammen. Ein neuer König kommt zur Welt, in denkbar einfachsten Verhältnissen. Ein Obelisk am rechten Bildrand markiert, kaum zu erkennen, das ferne Bethlehem. In der verschneiten Tiefe verkündet ein Engel den Hirten am Feuer die Geburt. Ganz rechts stehen zwei Frauen mit Krug und Bottich: Apokryphe Schriften erzählen von zwei Helferinnen, die Josef geholt habe, um das Kind zu waschen. Eine von ihnen, Salome, zweifelte an der jungfräulichen Geburt, worauf ihr die Hand verdorrte; erst die Berührung des Kindes heilte sie.
An der Krippe hat Altdorfer signiert, mit einem Monogramm, das ein A in ein A schreibt. Was im Vordergrund still und beinahe unauffällig geschieht, beantwortet der Himmel mit einem Aufwand, der weit über diese Nacht hinausweist. Wer das Kind so schutzlos in der Kälte liegen sieht, sieht die Passion schon mit. Noch aber ist es nur ein Weihnachtsbild.
Shownotes
Mehr auf immuseum.at
IM MUSEUM


