Ein Mann mit grauem Haar, schwarzem Hut und kostbarem Pelzgewand hält eine überreife Frucht in den Händen. Die Schale ist aufgesprungen, die Körner liegen frei. Wer nichts weiter wüsste, hielte ihn für einen wohlhabenden Kaufmann. Tatsächlich ist es der mächtigste Mann des Reiches: Kaiser Maximilian I., gemalt von Albrecht Dürer, heute in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums Wien.
Daniel Uchtmann, Kunsthistoriker und Kunstvermittler am Kunsthistorischen Museum Wien, steht vor einem Bild, das zugleich sehr traditionell und sehr modern ist. Traditionell, weil es den Kaiser von der Hüfte aufwärts zeigt, wie es bis dahin üblich war. Modern, weil ihm alles fehlt, woran man einen Herrscher erkennt: keine Rüstung, kein Zepter, keine Krone.
Schon die Entstehung war ungewöhnlich. Kaiserporträts gab es auch vorher, doch die Maler mussten hoffen, den Kaiser bei einer Audienz von Weitem zu sehen – oder sie kopierten Münzen und ältere Bildnisse. 1518 hielt sich Maximilian zum Reichstag in Augsburg auf, wohin auch Dürer als Abgesandter seiner Heimatstadt Nürnberg kam. Der Kaiser gewährte ihm eine Privataudienz und saß Modell. Dass er Zeit in dieses Werk investierte, sagt einiges über die Wertschätzung, die er dem Maler entgegenbrachte. Dürer, der von 1471 bis 1528 lebte, gilt als der bedeutendste Maler des deutschsprachigen Raums seiner Zeit. Die Lindenholztafel trägt die Jahreszahl 1519; ausgeführt ist sie nach der Augsburger Zeichnung vom Juni 1518, einem der letzten Bildnisse, die den Kaiser nach dem Leben festhalten. Fertig war das Gemälde erst, als Maximilian schon tot war – er starb im Jänner 1519.
Anstelle des Reichsapfels hält der Kaiser einen Granatapfel, Teil seines persönlichen Wappens und ein christliches Symbol: So wie die harte Schale die weichen Körner schützt, sollen Kaiser und Kirche die Gläubigen und ihre Seelen schützen. Der leicht geöffnete Mund suggeriert Redegewandtheit und die Fähigkeit, über Dinge, Menschen und Länder zu gebieten; der Blick aus halb geschlossenen Augen geht ins Weite und steht für Weitsicht – keine schlechte Tugend, wenn man regieren soll. Charakteristisch bleibt die sehr große Nase in einem schon älteren Gesicht. Nur oben links wurden nachträglich Krone, Doppeladler mit dem österreichischen Bindenschild und die Kollane des Ordens vom Goldenen Vlies ergänzt.
Die Macht wird nicht draufgesetzt durch Rüstung, Zepter oder Reichsapfel, sondern die Macht und die Würde kommen ganz aus ihm heraus.
Das Bild gilt als das erste offizielle Staatsporträt eines Monarchen. Das Original blieb im Besitz der kaiserlichen Familie, doch nach seinem Vorbild entstanden Holzschnitte im ähnlichen Format, die man überall kaufen konnte, tausendfach, Poster gewissermaßen. So kam der Kaiser jedem nach Hause, und das schafft Identität, Verbindung, Zusammenhalt. Maximilian wusste das.
Bleibt der Humanismus der Renaissance, in dem der Mensch im Vordergrund steht, das Individuum. Hier ist der Kaiser beides, Mensch und Individuum – „naja“, sagt Uchtmann, „zumindest wird er hier so dargestellt“.
Shownotes
Mehr auf immuseum.at
IM MUSEUM


