Auf der kaiserlichen Tafel setzt sich ein goldenes Schiff in Bewegung. Es rollt an den Gästen vorbei, aus seinem Inneren spielt Musik, Trompeter drehen sich, ein Trommler schlägt zu – und wenn es stehen bleibt, feuert es seine Kanonen ab. Der Automat in Form eines Schiffes entstand 1585 und steht heute in der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museum Wien: äußerlich ein Meisterstück der Goldschmiedekunst, im Kern aber eine Maschine, die niemand zu sehen bekommt.
Daniel Uchtmann, Kunsthistoriker und Kunstvermittler am Kunsthistorischen Museum Wien, zählt Automaten zu den besonders schönen Kategorien dieser Sammlung: Kunstwerke, die sich von sich aus bewegen können. Zwischen Elfenbein, Gold, Silber und edlen Steinen wirkt es zunächst nur wie ein kleinteiliges Goldschmiedestück. Gebaut hat es Hans Schlottheim, ein Augsburger – und Augsburg hatte im 16. Jahrhundert bei technischen Erzeugnissen die Nase vorn.
Dass die Mechanik selbst als Kunst galt, ist für heutige Augen die größere Überraschung. Unter bildender Kunst verstehen viele Malerei oder Skulptur; das Räderwerk im Rumpf galt im 16. Jahrhundert als ebenso gleichwertig, obwohl es unsichtbar blieb.
Mechanik wurde in vergangenen Jahrhunderten als Abbild des Universums verstanden.
So wie die Planeten umeinander kreisen und alles zusammen eine große Weltenmaschine bildet, stellt das mechanische Kunstwerk die Welt im Kleinen dar. Aufgezogen wird es mit einem Schlüssel wie eine alte Uhr, ein kleiner Hebel setzt es in Gang. Im Inneren sitzt eine Orgel mit zehn Registern, die automatisch Melodien spielt. Die Trompeter an Deck, sieben oder acht Zentimeter groß, wenden sich nach links und rechts und setzen ihre Instrumente an den Mund, obwohl der Ton aus dem Rumpf kommt. Am Boden des Schiffes ist eine Paukenmembran eingebaut, auf die der Trommler von außen einzuschlagen scheint. Zuletzt der Knalleffekt: Mehrere Radschlosspistolen lösen die mit Schwarzpulver geladenen Kanonen aus, vermutlich ohne Kugeln.
Das Schiff ist zugleich ein politisches Bild. Am Bug sitzt unter einer Überdachung Kaiser Rudolf II., flankiert von zwei Säulen mit kaiserlichen Kronen. Das Schiff ist das Staatsschiff, der Kaiser der Kapitän, der es durch unsichere Gewässer in den sicheren Hafen manövriert. Unten sind Wellen, Fische, Wale und Meeresungeheuer zu sehen, darüber eine Inschrift, die jedem Angreifer ankündigt, dass sich das Schiff wehren werde. Der herabbaumelnde Anker steht seit Jahrhunderten für den Glauben, und Rudolf II. verstand sich als Vorreiter des Katholizismus. Die Macht über weite Teile der Welt, die die geblähten Segel behaupten, hatte er nicht.
Rudolf II., gestorben 1612, war laut Uchtmann einer der bedeutendsten Kunstsammler überhaupt: Auf dem Hradschin in Prag trug er Malerei, Skulptur, edle Steine, Alchemistisches und eben Automaten zusammen. Geräte, die klein sind und viel können, gehören heute zum Alltag. Dieses hier ist über 400 Jahre alt – und was der kaiserliche Größenwahn hervorgebracht hat, lässt sich noch immer bestaunen, nur der Knall bleibt aus.
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