Vier Kilogramm Gold und ein Kugellager aus Holzkugeln in Elfenbein: Wer die Saliera anstößt, bringt sie zum Rollen. Über die Tafel des französischen Königs fuhr das Salzfass einst wie ein Modell der Welt – und weil es oval ist, drehte es sich dabei womöglich auch um sich selbst.
Daniel Uchtmann, Kunsthistoriker und Kunstvermittler am Kunsthistorischen Museum Wien, nennt die Saliera das Hauptwerk der Kunstkammer. Von Benvenuto Cellini (1500–1571), in Florenz ausgebildet als Bildhauer, Medailleur und vor allem als Goldschmied, ist sie das einzige erhaltene Werk der Goldschmiedekunst – und gilt als Paradestück ihrer Gattung weltweit. Rund 20 Zentimeter hoch, gut 30 breit: ein Sockel aus Ebenholz, darüber eine Platte aus massivem Gold. Alles Farbige ist Email, geschmolzenes Glas in hauchdünner Schicht, dreidimensional aufgetragen.
Schon das Material hat eine Pointe. In seiner Autobiografie, in der er auch Geschlechtskrankheiten und Totschläge nicht auslässt, schreibt Cellini, er habe von König Franz I. 1000 Goldmünzen bekommen; daraus gewann er das Rohmaterial. Sonst wurden Werke aus Gold und Silber eingeschmolzen, um wieder Währung daraus zu machen. Hier lief es umgekehrt, sagt Uchtmann:
Geld wurde dem Geldverkehr entzogen, um daraus ein großartiges Kunstwerk zu machen.
Zwei große Figuren dominieren das Objekt. Tellus, die Göttin der Erde, sitzt auf einer emaillierten Blumenwiese und stützt sich auf einen Elefanten, von dem nur Rüssel und Stoßzähne aus dem Boden zu wachsen scheinen. Ihr gegenüber der Meeresgott Neptun mit Dreizack, getragen von Hippokampen, halb Fisch, halb Pferd. Sie erwartet ihn und öffnet gerade ihre überschlagenen Beine – das Wasser, das die Erde befruchtet, ist hier auch erotisch gemeint.
Beiden ist ein Bauwerk zugeordnet, und beide sind benutzbar: Aus dem Schiff des Meeresgottes nahm der König das Salz, im Triumphbogen der Erde verbirgt sich eine Kapsel für eine homöopathische Dosis Pfeffer. Am Sockel liegen vier Figuren für Morgendämmerung, Abenddämmerung, Tag und Nacht, nach dem Vorbild von Michelangelos Grabmälern für die Medici; dazwischen blasen Männerbüsten mit aufgeplusterten Wangen die vier Winde. Zeit, Ausdehnung der Welt, menschliche Tätigkeiten – und die vier Elemente, wobei das Feuer im Gold selbst steckt.
Fast im Zentrum, unter der Ferse der Tellus, sitzt ein Feuersalamander: das Wappentier von Franz I. Wie die Kunstkammer ein Abbild der Welt ist, in deren Mitte sich der Sammler stellt, ist die Saliera dasselbe noch einmal im Kleinen – mit dem König im Mittelpunkt. Einmal angestoßen, dreht sich diese Welt um ihn. „L’état c’est moi“ sagte Ludwig XIV. erst später; der absolutistische Machtwille war hier schon in Gold gegossen.
Berühmt ist die Saliera heute auch aus einem anderen Grund: 2003 wurde sie aus dem Kunsthistorischen Museum gestohlen und tauchte erst 2006 weitgehend unbeschädigt wieder auf. Ein Objekt, das seine Bedeutung daraus bezieht, im Zentrum zu stehen, hat sich diesen Platz ausgerechnet über einen Diebstahl endgültig zurückgeholt.
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