Am Mühlrad hängen fingerdicke Eiszapfen, das Wasser darunter ist tief eingefroren, an Arbeit ist nicht zu denken. Ein paar Schritte weiter laufen Kinder auf dem Bach Schlittschuh, während über die Brücke eine alte Frau mit einem schweren Reisigbündel stapft. In Pieter Bruegels „Jäger im Schnee“ liegen Freud und Leid dicht beieinander – und die Kälte springt aus dem Bild in den Ausstellungssaal.
Rotraut Krall, Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin am Kunsthistorischen Museum Wien, führt durch das Winterbild in der Gemäldegalerie. Bruegel, einer der bedeutendsten Maler des 16. Jahrhunderts, malte es 1565 für den Antwerpener Sammler Nicolaes Jonghelinck, als Teil einer Serie von sechs Tafeln, vermutlich für dessen Speisesaal. Drei davon hängen heute in Wien: „Die Heimkehr der Herde“, „Der düstere Tag“ und die „Jäger im Schnee“. Die „Heuernte“ ist in Prag, die „Kornernte“ im Metropolitan Museum in New York, das sechste Bild – wohl ein Frühlingsthema – ging früh verloren.
Die Komposition ist bühnenhaft gebaut und verlangt eine Entscheidung: mitgehen. Von der linken vorderen Ecke führen drei Jäger in das Bild hinein, einer trägt einen Rotfuchs auf der Schulter, die magere Beute des Tages. Hinter ihnen trottet eine Meute mit eingezogenen Schwänzen und hängenden Ohren. Die Spuren im harschigen Schnee, in den die Männer einbrechen, erzählen vom mühsamen Weg zurück ins Tal.
Dort unten liegt eine Ortschaft mit tief heruntergezogenen, schneebeladenen Dächern, ein Kirchturm markiert die Mitte. Links davon steigt grauer Rauch aus einem Bauernhaus, Leute legen Leitern ans Dach: ein Kaminbrand, miniaturhaft erzählt. Rechts flankieren schroffe Felszacken das Tal. Die Alpen kannte Bruegel aus eigener Anschauung: Er hat sie auf dem Weg nach Italien zweimal überquert und ein Skizzenbuch voller Zeichnungen mitgebracht.
Über all dem liegt ein Tag ohne Sonne, dichte Wolken, grau-blaues Licht. Wer selbst über frisch verschneites Land geht, sieht von nahen Figuren zuerst nur Umrisse, geblendet vom gleißenden Weiß – genau so hat Bruegel die Jäger gemalt, in dunklem Gewand, als Schatten. Krall beschreibt die Wirkung nüchtern:
Es ist ganz egal, welche Temperatur man im Raum selber hat: Es tritt genau das ein, was Bruegel wollte.
In der alten Quelle ist von „sechs Tafeln von den zwölf Monaten des Jahres“ die Rede. Welche zwei Monate ein Bild zeigt, lässt sich nicht festlegen: November und Dezember, Dezember und Jänner – es bleibt Stimmungsmalerei. Kalenderbilder mit Schnee gab es seit dem 15. Jahrhundert, in diesem großen Format aber ist die Winterlandschaft die früheste bekannte. Manche Feinheit zeigt sich erst unter der Lupe, etwa der Jäger am hinteren Weg, dessen Büchse auf die Enten zielt: Aus dem Lauf schlägt das Mündungsfeuer.
Vielleicht, überlegt Krall, ging Bruegel hier bewusst einen Wettstreit ein: die gemalte Natur gegen die gewachsene, die im Speisesaal draußen vor den Fenstern lag. Jonghelinck hätte nur den Kopf drehen müssen, um zu vergleichen – und wäre wohl trotzdem beim Bild geblieben.
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