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March 7, 2022
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KHM Wien

Fasching gegen Fastenzeit

Pieter Bruegels „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ von 1559 hängt im Kunsthistorischen Museum Wien. Kunstvermittler Daniel Uchtmann liest darin den Streit zweier Lebensprinzipien – und eine Enzyklopädie menschlicher Zwänge.

Fasching gegen Fastenzeit
Bild: KHM Wien

Fasching gegen Fastenzeit

- Fasching gegen Fastenzeit

Pieter Bruegel der Ältere ist bekannt für seine komplexen, detailreichen Gemälde, die den Alltag seiner Zeit einfangen. Eines dieser Werke, Der Kampf zwischen Karneval und Fasten, entstand 1559 und führt in eine Welt voller Symbole, Widersprüche und menschlicher Zwänge.

Im Kunsthistorischen Museum Wien hängt das Bild als Teil der größten Bruegel-Sammlung weltweit. Daniel Uchtmann, Kunsthistoriker und Kunstvermittler, erklärt, was hinter dem steckt, was zunächst wie ein einfaches Genrebild wirkt: ein Marktplatz voller Menschen, ein buntes Treiben. Doch wie immer bei Bruegel geht es um weit mehr. Das Bild zeigt den symbolischen Kampf zwischen zwei gegensätzlichen Lebensprinzipien – der ausufernden Völlerei des Faschings und der Entsagung der Fastenzeit.

Links thront der Karnevalsprinz auf einem dicken Fass, seine Waffen sind Spieße mit Fleisch und Wurst, ein Sinnbild der Maßlosigkeit. Er verkörpert die Freude am Überfluss und die Unbeschwertheit der Faschingszeit, die damals den Übergang zum neuen Jahr markierte. Rechts dagegen die magere Fastenzeit: eine asketische Gestalt auf einem bescheidenen Wagen, die Heringe und Brot als Waffen trägt – Zeichen für Maß und Mäßigung. Die beiden Figuren stehen einander gegenüber wie Ritter in einem Turnier, doch der Sieg ist absehbar. Die Fastenzeit gewinnt immer, denn auf Fasching folgt unvermeidlich der Aschermittwoch.

Bruegel überlässt nichts dem Zufall. Jedes Detail ist ein Kommentar zur menschlichen Natur: Auf der linken Seite, in den Szenen des Faschings, häufen sich Exzesse, Trunkenheit und obszöne Gesten – ein Schwein frisst Kot, ein Betrunkener schläft auf einem Fass. Das ist kein bloßer Scherz, sondern eine tiefgründige Betrachtung der Sündenhaftigkeit, die in Zeiten des Überflusses dominiert. Auf der rechten Seite, im Zeichen der Fastenzeit, wird das Leben strenger und geordneter. Die Menschen verlassen die Kirche mit Aschekreuzen auf der Stirn, als Ausdruck von Buße und Läuterung.

Das Bild wirkt wie eine Enzyklopädie, ein „sichtbares Wörterbuch“, wie Uchtmann es nennt, in dem der Maler das Komische und das Bittere des menschlichen Daseins zugleich einfängt. Doch hinter dem Getümmel deutet Bruegel auf etwas Grundsätzlicheres hin: Ein Paar wird von einem Narren aus dem Kreislauf des Lebens herausgeführt. Der Narr trägt bunte Kleidung mit Eselsohren und eine Fackel – ein Symbol der Weisheit. Ihm ist es erlaubt, die Wahrheit zu sagen, und in diesem Fall führt er das Paar vielleicht zu einer höheren Erkenntnis oder aus der endlosen Wiederholung der menschlichen Schwächen heraus.

Bruegels Werke zeigen die Menschheit oft als Gefangene ihrer eigenen Natur, den biologischen und gesellschaftlichen Zwängen unterworfen. Doch das Bild deutet einen Weg hinaus an – einen Moment der Klarheit, in dem jemand dem ewigen Kreislauf entkommt.

Auch nach fast 500 Jahren hat Bruegels Bild nichts von seiner Aktualität verloren. Es ist eine messerscharfe Beobachtung menschlicher Extreme und zeigt, dass die Grundfragen des Lebens sich kaum geändert haben: Wo liegt die Balance zwischen Exzess und Mäßigung? Und lässt sich der Kreislauf überhaupt durchbrechen?