Zwanzig Minuten stillhalten, im Freien und nur bei schönem Wetter – so stand es in der Bedienungsanleitung. Wer 1839 ein Foto machen wollte, brauchte Geduld, Sonne und einen Kasten aus Holz und Messing, wie er heute in einer eigenen Vitrine im Kameramuseum WestLicht steht: die erste kommerziell hergestellte Kamera der Welt, gebaut von den Brüdern Susse in Paris. Kein Nachbau, ein Original.
Peter Coeln, Gründer und Betreiber von WestLicht. Schauplatz für Fotografie, führt das Haus seit rund 20 Jahren. Die permanente Kameraausstellung umfasst etwa 300 Exponate und spannt den Bogen von den Anfängen der Fotografie bis zur digitalen Aufnahme. Das Herzstück steht gleich am Beginn dieser Reihe. Der Susse Frères Daguerréotype kam im September 1839 auf den Markt, einen Monat nachdem Louis Daguerre sein Verfahren in Paris öffentlich bekannt gegeben hatte. Wenige Wochen nach der Bekanntgabe versuchte man in Paris also bereits, Kameras zu verkaufen.
Vielleicht hundert Stück wurden damals gebaut, genau weiß das niemand. Erhalten ist nach heutigem Kenntnisstand ein einziges Exemplar, und es steht in Wien. Aufgetaucht ist es erst vor gut 15 Jahren in Deutschland; 2007 kam es in Wien unter den Hammer und blieb als Prunkstück der Sammlung im Haus. Vollständig ist es dazu: mit dem Entwicklungskasten für die Daguerreotypie und einer originalen Anleitung aus 1839.
Coeln interessiert am Objekt weniger das Alter als die Qualität. Schärfeleistung, Auflösung und Detailwiedergabe des Objektivs seien beeindruckend, sagt er – und selbst die Farbwiedergabe sei ausgezeichnet, bei einer Optik, die 70 Jahre vor Erfindung der Farbfotografie gerechnet wurde.
„Das Tolle an der Fotografie ist auch, dass diese Erfindung vom ersten Moment an wirklich wunderbar funktioniert hat.“
Belegen lässt sich das, weil die Kamera kein stillgelegtes Museumsstück ist. Coeln fotografiert seit Langem mit ihr. Statt versilberter Platten kommt heute ein eigens angefertigtes Rückteil zum Einsatz, das normales Filmmaterial im Format 13 mal 18 Zentimeter aufnimmt. Vor die Linse gekommen sind unter anderem der Dalai Lama und die frühere Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein, deren Porträt in der Vitrine nebenan zu sehen ist und die das Bild sehr schätzt. Fasziniert seien alle davon, mit der ersten Kamera der Welt fotografiert zu werden.
Damit kehrt sich die übliche Erzählung vom technischen Fortschritt um. Die Fotografie hat nicht klein und unscharf begonnen, um langsam besser zu werden – sie war am ersten Tag da, im Prinzip fertig. Was sich seither verändert hat, ist vor allem das Tempo: von 20 Minuten Belichtung bei Schönwetter zu Bildern, die im Vorbeigehen entstehen. Der Holzkasten in der Vitrine erinnert daran, dass ein Porträt einmal eine Verabredung zwischen zwei Menschen war, die beide Zeit mitbringen mussten.
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