In einer Vitrine in der Westbahnstraße steht eine ausgestopfte Brieftaube. Um die Brust trägt sie ein Geschirr, daran hängt ein Apparat, kaum größer als eine Streichholzschachtel, 53 Gramm schwer. Der Vogel ist Präparat, die Kamera nicht: Sie gehört zu den seltensten Objekten, die das WestLicht besitzt.
Peter Coeln, Gründer des WestLicht, zeigt sie als eines der besonderen Stücke des Hauses. Im Ersten Weltkrieg setzten Franzosen und Deutsche solche Taubenkameras zur Luftaufklärung ein. Erfunden hat sie, wie Coeln erzählt, ein Apotheker – der Hofapotheker Julius Neubronner, der seine Brieftaubenfotografie 1908 patentieren ließ. Das WestLicht hat den gesamten Nachlass des Erfinders erworben.
Die Mechanik funktioniert bis heute. Die Kamera hat einen Zeitauslöser: Man ließ die Taube los und stellte vorher ein, nach wie vielen Minuten belichtet werden sollte. Ein schwingendes Objektiv zog die Aufnahme in die Breite, es entstand ein panoramaartiges Bild in, wie Coeln sagt, sehr guter Qualität. Ob darauf tatsächlich feindliche Stellungen zu sehen waren, blieb Hoffnung: Der Apparat belichtete, wann er sollte, die Taube flog, wohin sie wollte.
„Das ist quasi die erste Drohne, um 1916.“
Erhalten sind davon vielleicht vier oder fünf Exemplare. Die meisten Tauben, vermutet Coeln trocken, seien wohl abgeschossen worden. Aufschlussreich ist ein zweites Objekt daneben: eine Trainingskamera, angefertigt ohne Objektiv, aber mit demselben Gewicht wie das Original. Mit ihr gewöhnte man die Tiere an die Last, die sie später über die Front tragen sollten. Wer beide Apparate nebeneinander sieht, versteht, dass hier nicht nur eine Technik entwickelt, sondern auch ein Lebewesen dressiert wurde.
Das WestLicht zeigt seit 2001 neben wechselnden Fotografieausstellungen eine permanente Kamerasammlung, die von den Anfängen des Mediums 1839 bis zum Beginn der digitalen Fotografie reicht. Gerade in Zeiten von Handyfotografie und Instagram sei es wichtig, die Technikgeschichte der Fotografie zu zeigen, sagt Coeln; viele junge Besucher:innen wüssten kaum, wie sehr dieses Medium über Film, Kino und Journalismus das Leben verändert hat. Die Fotografie zählt für ihn zu den wichtigsten Erfindungen überhaupt.
Die Taubenkamera steht am Anfang einer Entwicklung, die heute Alltag ist: Bilder aus der Luft, aufgenommen ohne Fotograf:in. Der Unterschied liegt in der Kontrolle. Drohnen fliegen dorthin, wo jemand sie haben will. Die Taube flog nach Hause – und was sie unterwegs sah, entschied sie selbst.
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