Eine goldene Kugel steht still in ihrer Vitrine – obwohl sie sich drehen könnte. In ihrem Inneren steckt ein rädergetriebenes Uhrwerk, das den Globus um die eigene Achse führt, dazu zwei Zeiger auf einem Zifferblatt bewegt und über der Kugel Sonne und Mond weiterschiebt. Das Objekt stammt aus dem Jahr 1624, ist aus Metall gefertigt und zeigt keine Erde, sondern den Himmel.
Jan Mokre, Direktor der Kartensammlung und des Globenmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek, nennt es ein globenverwandtes Instrument. Das Haus ist das einzige seiner Art weltweit: Es sammelt Erd- und Himmelsgloben, Mond- und Planetengloben und darüber hinaus alles, was im weiteren Feld der Globenkunde eine Rolle spielt – uhrwerksbetriebene Globen wie diesen etwa. Gesammelt wird hier nicht nur, es wird auch geforscht.
Gebaut hat den Globus Daniel Scheyrer, ein Kleinuhrmacher, der ursprünglich aus Augsburg stammte, sich in Steyr ansässig machte und dort das Bürgerrecht erwarb. Was sein Werk so interessant macht, ist ein Widerspruch: Für das Uhrwerk verwendete Scheyrer die modernste Technologie seiner Zeit. Für die Sternenkarte auf der Kugel griff er auf ein veraltetes Kartenbild zurück.
Das Bild des Himmels hatte sich kurz zuvor nämlich erheblich verändert. 48 Sternbilder waren aus der Antike überliefert, Gerhard Mercator fügte zwei weitere hinzu, womit man Mitte des 16. Jahrhunderts bei 50 stand. Gegen Ende des Jahrhunderts drangen niederländische Seefahrer in südpolare Meere vor und sahen dort Sterne, die von Europa aus wegen der Erdkrümmung nicht zu beobachten sind. Die Kunde davon brachten sie nach Amsterdam, wo die gelehrte Welt sie zu zwölf neuen Sternbildern zusammenstellte. Als Scheyrer 1624 seinen Globus fertigte, war das längst bekannt: 1603 war ausgerechnet in Augsburg, seiner Herkunftsstadt, Johann Bayers „Uranometria“ erschienen, ein Sternatlas, der die Entdeckungen der Seefahrer beschrieb und abbildete.
Warum der Uhrmacher trotzdem einen älteren Himmel auf seine Kugel setzte, lässt sich nicht mehr klären.
„Das sind Fragen, wo man im Endeffekt nicht sagen kann, warum und wieso.“
Solche Phänomene zu erklären, gehört für Mokre zur Globenkunde – manche bleiben offen. Auch über den Mann selbst weiß man wenig. Wenige Jahre nach der Fertigstellung musste Scheyrer Steyr verlassen, weil er Protestant war, danach verliert sich seine Spur. Vier Objekte aus seiner Werkstatt sind weltweit erhalten, eines davon steht in Wien. Was sonst über ihn im Umlauf ist, ist nicht belegt – für die Forschung ein Arbeitspensum, das noch zu erfüllen wäre.
So steht in der Vitrine ein Gerät, das zwei Zeitrechnungen zugleich anzeigt: die Stunden, die es messen kann, und den Wissensstand, den es abbildet – und der schon überholt war, als es gebaut wurde. Die zwölf Sternbilder, die auf dieser Kugel fehlen, bleiben von Wien aus ohnehin unsichtbar. Wer heute in den Silvesterhimmel schaut, sieht so wenig davon wie Scheyrer vor 400 Jahren.
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