Objekte
May 17, 2021
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Filmmuseum

„Der große Schneefall am 5. Februar 1941“: eine leere Filmschachtel im Filmmuseum

Eine Kartonschachtel ohne Film, dafür mit einem handgeschriebenen Satz: Paolo Caneppele zeigt im Österreichischen Filmmuseum ein Objekt, dessen Verlust er für einen Gewinn hält.

„Der große Schneefall am 5. Februar 1941“: eine leere Filmschachtel im Filmmuseum
Foto: Museo Nazionale Scienza e Tecnologia Leonardo da Vinci, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Zwölf mal zwölf Zentimeter Karton, die Marke Eumig auf dem Deckel, darin nichts. Der Schmalfilm, für den diese Schachtel gemacht wurde, ist verschollen. Trotzdem hebt das Österreichische Filmmuseum sie auf, und Paolo Caneppele sagt, er sei stolz darauf.

Caneppele hat die Sammlungen des Hauses jahrzehntelang betreut und arbeitet dort als Archivar – zuständig für alles, was rund um den Film entsteht. Ganz leer ist die Schachtel nämlich nicht. Auf dem Deckel steht in Handschrift ein Satz: „Der große Schneefall am 5. Februar 1941.“ Als Caneppele sie zum ersten Mal in Händen hielt, begann er sofort zu träumen, was er gleich sehen würde: ein historisches Dokument aus dem Krieg, eine Stadt unter Schnee. Er sah nichts. Der 9,5-Millimeter-Film war weg. Eumig, der Wiener Hersteller, hatte 1932 seine erste Kamera für dieses Format gebaut; der Heimfilm war in Wien angekommen.

Geblieben ist ein Zettel im Inneren. Er beginnt mit demselben Satz, ergänzt um zwei Wörter: „in Wien“. Danach folgen weitere Beschreibungen, zwölf insgesamt. Caneppele genügt schon die erste, und zwar wegen dieser Ergänzung. Ohne Ort keine Vorstellung, sagt er; man müsse wissen, wo die anderen leben, wie ihr Haus aussieht. Erst mit dem „in Wien“ wird aus einer Notiz eine Szene, die sich jemand ausmalen kann.

„Ich brauche keinen Film. Dieser Satz sagt mir schon mehr Welten.“

Darin liegt die eigentliche Provokation: Ein Filmarchivar freut sich darüber, dass ein Film verloren ist. Hätte man ihn, sagt Caneppele, dann wäre diese Poesie von den Bildern vernichtet worden. Die Aufnahmen wären, was sie sind – ein bestimmter Schnee, eine bestimmte Straße, eine bestimmte Belichtung. Der Satz auf dem Deckel bleibt offen für alles. Dass der Film als Zeitdokument aus dem Februar 1941 interessant gewesen wäre, bestreitet Caneppele nicht. Er zieht die Leerstelle trotzdem vor.

Aus ihr leitet er eine Berufsauffassung ab. Empathie hält er für eine der wichtigsten Qualitäten in der Arbeit von Archiven, Museen und Restaurierungswerkstätten: Man braucht sie, um einer leeren Schachtel anzusehen, dass sie etwas ist, und sie nicht sofort wegzuwerfen. Dazu kommt die Verwunderung. Caneppele beruft sich auf Platons Dialog „Theaitetos“, in dem es heißt, es gebe keinen anderen Anfang der Philosophie als das Staunen. Wer sich nicht wundert, spürt weder die Dinge noch die Menschen, die hinter ihnen stehen.

Archive sind voll von solchen Rändern: Beschriftungen ohne Inhalt, Verzeichnisse zu verschwundenen Beständen, Hüllen ohne Rollen. Meist gelten sie als Verlustmeldung, als Lücke in einer Sammlung, die man eigentlich schließen möchte. Diese Schachtel schlägt vor, sie anders zu lesen – als das, was von einem 5. Februar 1941 in Wien tatsächlich übrig geblieben ist. Zwölf mal zwölf Zentimeter, ein Satz, kein Bild.