Das Buch hält kaum noch zusammen. Ein billiges Taschenbuch, mehrfach geklebt, die Seiten unterstrichen, angekreuzt, mit dickem Filzstift bis an die Ränder vollgeschrieben. Wer es aufschlägt, liest zwei Texte auf einmal: den Science-Fiction-Roman „Fiasko“ von Stanisław Lem – und das Selbstgespräch seines Lesers.
Dieser Leser war Amos Vogel. Tom Waibel, Kustode der Amos Vogel Library im Österreichischen Filmmuseum, hat den Band aus Vogels Privatbibliothek gezogen, die das Museum verwahrt: mehr als 8.000 Bücher, über ein Drittel davon annotiert. Vogel konnte 1938 aus Wien fliehen, kam über Kuba nach New York und gründete dort mit 26 Jahren den Kinoclub Cinema 16. Bis zu seiner Auflösung 1963 wuchs er von 200 auf 7.000 Mitglieder – die größte Filmgesellschaft der USA – und bot dem experimentellen, unabhängigen Film eine Plattform, die er im regulären Kino nicht hatte; Susan Sontag, Luis Buñuel und Salvador Dalí gehörten zu diesem Umfeld.
Bibliophil war Vogel nicht. Schmuckbände interessierten ihn nicht, jedes Buch war ihm recht – und wurde benutzt. Waibel nennt das Exemplar auch formal symptomatisch: beschmiert, ramponiert, vom Lesen verbraucht.
Waibel gibt aus dem Roman nur jene Passagen wieder, die Vogel selbst markiert hat. Über Lems Dramaturgie erfährt man so nichts, dafür alles darüber, was den Filmkurator an Lems futurologischen Überlegungen interessierte. Es beginnt beim Schweigen im All: „Das Mysterium des stillen Universums war zu einer Herausforderung für die Wissenschaft auf der Erde geworden.“ Vogel markiert die Kehrtwende, die Lem daraus entwickelt: Die Annahme, alle Intelligenzen teilten eine Gemeinsamkeit des Denkens, sei ein anthropozentrischer Trugschluss, geerbt von alten Religionen und Mythen. Der Himmel schweige gerade deshalb, weil es so viele verschiedene Intelligenzen gebe.
Wo Lem die Technologie eine Zone voller tödlicher Fallen nennt, deren Bedrohung intelligente Wesen erst erkennen, wenn es zu spät ist, setzt Vogel ein dreifaches X an den Rand. Hinter den vermeintlich rein wissenschaftlichen Fragen vermutet er politische und soziale. Lange technische Spekulationen langweilen ihn; über ein ganzes Kapitel notiert er nur „Quälende Wiederholung“. Als der Kontakt endlich gelingt und die Erdlinge mitten in ein kosmisches Kriegsgebiet geraten, fragt er an den Rand, warum der Kontakt dann überhaupt noch nötig sei.
Am Ende löschen die Menschen die fremde Zivilisation aus, um den Krieg nicht weitertragen zu lassen – ein kalt kalkulierter Genozid im Namen eines ethischen Imperativs. Vogel kommentiert das auf den letzten Seiten:
Eine sehr finstere Sicht auf den Menschen und das Universum. Durch seine rücksichtslose, allzu menschliche Neugier wird die endgültige Katastrophe herbeigeführt, die, wie alles andere im Buch, vermeidbar gewesen wäre. Eine großartige Leistung. Sehr traurig.
2021 wäre Vogel 100 Jahre alt geworden, das Filmmuseum hat das Jahr zum Amos-Vogel-Jahr erklärt. Sein Kuratieren hörte im Kinosaal nicht auf. Wer so liest, stellt ein zweites Programm zusammen – eines, das nie auf einer Leinwand lief, sondern am Seitenrand.
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