In Bibliotheken schreibt man nicht. Die Regel gilt so selbstverständlich, dass sie kaum jemand aussprechen muss – und ausgerechnet die Leiterin der Bibliothek machte eine Ausnahme. In der Bibliothek des Österreichischen Filmmuseums liegt ein Heft der Zeitschrift Frauen und Film aus dem Jahr 1988, und neben einem Foto steht dort mit der Hand an den Rand geschrieben: „That’s me, Lizzie Borden“.
Elisabeth Streit, Filmwissenschaftlerin und Leiterin der Bibliothek im Österreichischen Filmmuseum, hat dafür das Heft 44/45 aus dem Regal geholt. Frauen und Film wurde 1974 von einem Frauenkollektiv gegründet; mit der mittlerweile legendären Zeitschrift verbunden sind die Filmwissenschaftlerinnen und Kuratorinnen Heide Schlüpmann und Karola Gramann oder die Regisseurin Helke Sander. Für Streit war das Blatt im Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft so etwas wie ein Erweckungsruf – der Hinweis, dass man eine eigene Stimme finden kann.
Lizzie Borden kam in den 1970er-Jahren nach New York, arbeitete und wohnte dort mit anderen Frauen zusammen, unter ihnen Kathryn Bigelow. In den 1980er-Jahren kam ihr Film Born in Flames ins Kino: eine Stadt in der Zukunft, revolutionäre Gruppierungen, die zum Teil über Radiosendungen agieren, Frauen, die eine Revolution anzetteln. In einer sehr eigenen Filmsprache erzählt, gilt der Science-Fiction-Film heute als Klassiker des feministischen Kinos. Danach wechselte Borden das Genre und sah sich an, wie es Frauen in Arbeitssituationen geht: Mit Working Girls brach sie mit Tabus und Mythen über Prostitution und stieß auf wenig Gegenliebe. Viele Filme folgten nicht mehr; heute lebt sie in Kalifornien und hält sich als Script-Doktorin über Wasser.
Im Dezember 2017 war Borden in Wien zu Gast, als das Filmmuseum eine Retrospektive zeigte, die sie mit Bigelow und weiteren Regisseurinnen ihrer Generation zusammenspannte – es ging um die Arbeitszusammenhänge, in denen Frauen damals gemeinsam Filme machten. Streit erwartete eine bahnbrechende Regisseurin und traf eine bescheidene Person. Bescheiden heißt allerdings nicht beliebig: Wie sie abgebildet wird, entscheidet Borden selbst, und die Rechte an den Fotos, die damals im Haus entstanden, waren nur schwer zu bekommen. „Ich bin eine sehr schwierige Person, aber ich weiß schon, wie etwas auszuschauen hat“, sagte sie.
Genau deshalb suchte Streit ein Foto und fand jenes von 1988: Borden auf einer Couch, die Haare zurückgebunden, die Beine übereinandergeschlagen, mit einer kessen Laufmasche am linken Bein, im Gespräch mit einem Gegenüber, das nicht im Bild ist. Ob sie einen Kommentar dazuschreiben wolle, ob ihr das Bild gefalle oder nicht?
„Okay, just give me a pen and I will write something in for you.“
Vier Wörter am Blattrand, mehr wurde es nicht. Sie genügen. Wer lange in einem Geschäft arbeitet, das ihn kaum trägt, bestätigt sich hier selbst: Das bin ich, heute und auch dann, wenn es die Filme einmal nicht mehr geben sollte. Eine Signatur in fremdem Eigentum, die das Heft nicht beschädigt, sondern zum Objekt macht.
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