In der Mitte des Raumes steht eine Vitrine, die man von allen Seiten umgehen kann, und darin ein Hut aus Samt mit Hermelinkrempe, überspannt von gekreuzten Bügeln. Der österreichische Erzherzogshut ist die offizielle Krone Österreichs. Getragen hat ihn nie jemand.
Wolfgang Christian Huber, Kustos der stiftlichen Kunstsammlungen im Stift Klosterneuburg, nennt ihn das bedeutendste Stück der Schatzkammer. Er ist zugleich die einzige Insignie der Habsburger, die nicht in der Wiener Schatzkammer liegt, sondern in Niederösterreich. Der Grund steht in einem Dokument aus dem Jahr 1616, das im selben Raum zu sehen ist: Damals übergab Erzherzog Maximilian III. die Krone dem Stift, mit der Auflage, sie immer in unmittelbarer Nähe der Reliquien des Landespatrons aufzubewahren. Dieser Landesheilige ist der heilige Leopold, der Gründer des Stifts.
Der Hut sollte den heiligen Kronen gleichberechtigt zur Seite gestellt werden, die die Habsburger bereits trugen: der ungarischen Stephanskrone und der böhmischen Wenzelskrone. Formal verbindet er zwei Dinge, die nicht zusammengehören – einen Herzogshut, wie ihn ein Landesfürst trägt, und die gekreuzten Bügel, die sonst eine königliche oder kaiserliche Krone auszeichnen. Ausgestattet ist er mit dem Besten, was zu haben war: Email an den Zacken, Rubine, Smaragde, ein großer Saphir, zahlreiche Diamanten und Perlen auf den Bügeln, alles, wie Huber sagt, von erlesener Größe und erlesener Qualität. Umso überraschender ist, dass bis heute niemand weiß, wo diese Krone entstanden ist. Die Werkstatt, die im Auftrag Maximilians arbeitete, wurde nie gefunden.
Das Haus verlassen durfte der Erzherzogshut nur zu einem einzigen Anlass. Trat ein neuer Erzherzog sein Amt an, wurde in Wien die Erbhuldigung abgehalten, eine mehrtägige Zeremonie mit allem barocken Prunk, bei der die Vertreter der niederösterreichischen Stände ihren Treueschwur gegenüber dem neuen Herrscher erneuerten. Nach genau festgelegtem Zeremoniell wurde der Hut dafür nach Wien überstellt, war während der ganzen Zeremonie gegenwärtig und wurde auf einem Kissen mitgetragen. Länger als 30 Tage durfte er dem Stift nicht fernbleiben, so hatte es die Stiftungsurkunde unter Androhung des Kirchenbanns verfügt; zum letzten Mal geschah das 1835, zur Erbhuldigung für Kaiser Ferdinand I. Gekrönt wurde mit ihm niemand.
Es gibt nur einen einzigen Kopf, der würdig genug wäre, dass er diesen Hut tragen könnte.
Gemeint ist der Kopf des Landesheiligen. Dessen Schädelreliquie besitzt das Stift, und ursprünglich war wohl geplant, sie mit der Krone zu bekrönen. Daraus wurde nichts, aus einem sehr praktischen Grund: Das Original ist zu schwer. Auf dem prunkvollen Reliquiar sitzt deshalb eine Kopie aus Fell und leichtem textilem Material, die diese Masse nicht hat.
Zu sehen war das alles lange nicht. Der Hut lag in einem Tresor, den man für Besucher eigens aufsperren musste, und die Schatzkammer war nicht öffentlich zugänglich. Erst 2011, mit der Einrichtung in ihrer heutigen Form, übersiedelte er in die Vitrine in der Raummitte. Eine Krone, für die es keinen passenden Kopf gibt, ist damit das geworden, was sie vier Jahrhunderte lang nicht sein durfte: ein Objekt, das man ansehen kann.
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