Acht Meter breit, vier Meter hoch: Das Bild passt kaum in den Raum, in dem es hängt, und durch die Türen des Stiftsmuseums geht es längst nicht mehr. Der Babenberger Stammbaum im Stift Klosterneuburg füllt die Wand vom Boden bis zur Decke – und mit ihr eine ganze Dynastie.
Wolfgang Christian Huber, Kustos der stiftlichen Kunstsammlungen, nennt ihn eines der bekanntesten Objekte des Hauses: ein dreiteiliges Bildwerk in der Art eines Flügelaltars, entstanden zwischen 1489 und 1492. Im Mittelteil zeigen 27 runde Bildfelder die männlichen Babenberger in einer typischen Szene ihres Lebens, auf den Seitenflügeln hängen 46 Ehefrauen und Töchter als Halbfigurporträts. Gemalt wurde das nicht im 12. oder 13. Jahrhundert, sondern rund 250 Jahre später, nachdem Leopold III., der Gründer von Klosterneuburg, 1485 heiliggesprochen worden war. Den Pilgern an seinem Grab sollte es erklären, wer Leopold war und was seine Familie für das Land getan hatte.
Daraus ist ein bis heute wirksames Missverständnis entstanden. Weil es aus ihrer Regierungszeit kaum Bildquellen gibt, illustriert fast jedes Buch mit Figuren aus dem Stammbaum. Nur hat keine dieser Personen je so ausgesehen: Authentische Porträts gab es nicht, die Maler mussten erfinden – aus ihrer Gegenwart heraus. Manche der Dargestellten hat es überhaupt nie gegeben. Die Rüstungen in den Schlachtenszenen zeigen die Waffentechnik des späten 15. Jahrhunderts, die Gewänder der Damen die Mode derselben Jahrzehnte.
Das gilt auch für die Orte: Zwischen Belagerungen tauchen Burgen und Städteansichten auf, für manche die ältesten bekannten Darstellungen, im Zustand des 15. Jahrhunderts. Immer wieder erscheint eine Burg auf einem Felsen: Melk, lange Residenz der Babenberger, noch ohne Benediktinerkloster und im mittelalterlichen Zustand. Weit oben, hinter dem 1246 in der Schlacht an der Leitha fallenden Friedrich II. dem Streitbaren, dem letzten männlichen Babenberger, der Blick über den heutigen Donaukanal auf die innere Stadt mit dem Stephansdom.
Gelesen wird von unten nach oben, wie ein Baum wächst. Ganz oben, im einzigen Bildfeld, auf dem Klosterneuburg zu sehen ist, plaudern zwei Herren in würdigen Gewändern angeregt, umgeben von blond gelockten Buben. Einer prüft, ob sie auch wirklich nicht aufpassen. Es sind seine Lehrer, und er ist jener Babenberger, den der Stammbaum als „Leopold das Kind“ führt: Er lief davon, kletterte auf einen Baum, stürzte und brach sich mit 13 Jahren das Genick. Das Unglück selbst ist nicht zu sehen, nur die harmlose Vorgeschichte – und die ist, wie Huber einräumt, sehr frei und fantasievoll.
Ursprünglich war der Stammbaum auf Holztafeln gemalt. 1843 löste man die Malerei ab und zog sie auf Leinwand auf.
Fragen Sie mich jetzt nicht, wie das genau funktioniert.
Eingerollt kam sie hierher und wurde in den 1950er-Jahren aufgespannt. Zum Hinausbringen müsste man sie wieder rollen; davon raten alle Fachleute ab: Die Malschicht würde es nicht überleben. Ein überdimensioniertes Familienalbum, das seinen Raum so bald nicht verlässt – und dessen erfundene Gesichter bestimmen, wie wir die Babenberger sehen.
Shownotes
Mehr auf immuseum.at
IM MUSEUM


