Der Saal ist abgedunkelt, der Boden knarrt, an den Wänden hängen Gemälde im Riesenformat – und darauf vor allem nackte Frauen. Mitten in diesem Rubenssaal der Gemäldegalerie im Kunsthistorischen Museum Wien hängt ein Bild, das die Verhältnisse umkehrt: Zu sehen sind hauptsächlich nackte Männer, gemalt hat sie eine Frau.
Magdalena Ölzant, Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin am Haus, stellt davor eine Frage, die die Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls 1989 auf ein Plakat gedruckt hat: Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen? Weniger als fünf Prozent der Kunstschaffenden in der Abteilung für moderne Kunst des New Yorker Metropolitan Museum seien Frauen, hieß es dort, 85 Prozent der Akte dagegen weiblich.
Michaelina Wautier, 1604 in Mons geboren, malte im 17. Jahrhundert in Flandern ein Bacchanal, den „Triumph des Bacchus“. Über ein Dutzend lebensgroße Figuren ziehen von rechts nach links durchs Bild, mehr oder weniger betrunken. Im Zentrum der Weingott selbst, den Blick nach oben gewendet, den Mund halb geöffnet, während ihm ein Begleiter Traubensaft hineinträufelt. Bacchus thront nicht auf einem Triumphwagen, ein Satyr schiebt ihn – halb Mensch, halb Ziegenbock. Es ist ein lautes Bild: Kastagnetten, eine Trompete.
Frauen sind nur drei darauf. Die auffälligste steht rechts am Bildrand: eine Mänade mit dem Thyrsosstab, im antiken Chiton, eine Brust entblößt und im Vergleich zu den Männern dennoch verhüllt. Ein älterer Begleiter greift ihr ans Kinn und unter die Kleider. Sie ignoriert ihn und schaut aus dem Bild heraus, direkt zu den Betrachtenden – nüchtern, distanziert, eher Beobachterin als Teilnehmerin.
Schon das Format sprach lange gegen die Urheberin: 270 Zentimeter hoch, ursprünglich wohl fast vier Meter breit, später beschnitten. So große Werke sind von Künstlerinnen kaum überliefert, meist Porträts und Stillleben. Ein Bild dieser Größe traute man einer Frau nicht zu, das Thema erst recht nicht. Frauen war das Aktstudium verwehrt; wie Wautier zu ihren Männerakten kam, bleibt eines der Rätsel dieser Biografie. Vor dem Vergessen bewahrt hat sie ausgerechnet die Buchhaltung: Ihr Name steht im Inventar von Erzherzog Leopold Wilhelm, einem der wichtigsten Sammler des Hauses – dort allerdings nur als „N. Wautier“, weshalb lange offenblieb, ob nicht ihr Bruder Charles gemeint war. Erst in den 1960er-Jahren wurde ihr das Gemälde endgültig zugeschrieben.
Folgen hatte das zunächst kaum: Gezeigt wurde es in der Sekundärgalerie im zweiten Stock, die lange nicht zugänglich war. Seither steigt der Ruhm der Malerin. Ein Werk von ihr, mit 10.000 Schweizer Franken geschätzt, brachte bei einer Auktion mehr als das 400-Fache. In den Inventaren des Hauses finden sich 20 Bilder von 14 Künstlerinnen, ausgestellt sind davon nur einzelne. Was fehlt, fällt niemandem auf, solange niemand darauf zeigt. Die Frau am rechten Bildrand, in der das Museum ein Selbstporträt Wautiers sieht, tut genau das seit über 350 Jahren.
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