Ein Spielbrett, auf dem nie gespielt wurde: Das Stück in der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien sieht aus wie Gerät für einen müßigen Abend und ist doch eine Machtdemonstration. Innen eine Fläche für Backgammon, außen zwei Habsburger zu Pferd, umgeben von ihren Vorfahren.
Rotraut Krall, Kunsthistorikerin und Leiterin der Kunstvermittlung im Kunsthistorischen Museum Wien, führt das Objekt im Hochparterre vor, wo die Kunstkammer seit der Eröffnung des Hauses vor über hundert Jahren liegt. Spielbretter gehörten dort selbstverständlich dazu: Sie standen nicht nur für Vergnügen, sondern für Strategie und Verstand. Meist vereinten sie Backgammon, Schach und Mühle. Dieses Brett trägt nur eine einzige Spielfläche – und außen ein Bildprogramm, das jeden Zweifel am Zweck ausräumt.
Die quadratischen Außenflächen sind wie ein Buch zusammengefügt. Jede beherrscht ein Medaillon von rund 20 Zentimetern Durchmesser: Kaiser Karl V. und sein Bruder, der spätere Kaiser Ferdinand I., jeweils zu Pferd. Diagonal umgeben sie vier kleinere Medaillons: bei Karl die römisch-deutschen Könige und Kaiser, bei Ferdinand die Ahnen von der spanischen Linie bis zu den zugeheirateten ungarischen Herrschern. In den Ecken der Randleisten sitzen bei Karl die vier weströmischen, bei Ferdinand die vier oströmischen Kaiser. Ein Profil fällt aus der Reihe: Rechts oben bei Ferdinand trägt ein Porträtierter einen Turban – in der Mitte des 16. Jahrhunderts eine Anspielung auf Sultan Süleyman den Prächtigen, dessentwegen die Grenze im Osten jahrzehntelang unruhig blieb. Die Brüder sollten in einer Reihe mit den Kaisern erscheinen – Herrschaft, legitimiert durch Abstammung.
Auf den Randleisten ranken Früchte, Granatäpfel womöglich – oder die Äpfel der Hesperiden, die ewige Jugend verleihen. Auch das passt: die Erinnerung an große Herrscher wachhalten, eine Idee, die bei den Habsburgern vor allem Maximilian I., der Großvater der Brüder, durchgesetzt hatte.
Innen liegt die Fläche für das Spiel, das früher Tricktrack hieß – lautmalerisch nach dem Klackern der Würfel. Zwischen den Ranken sitzen hier noch mehr Medaillons; sie erzählen von Liebesgeschichten und von tapferen Frauen: Stoffe aus Ovids Metamorphosen, aus Livius und Boccaccio, dazu Judith mit dem Haupt des Holofernes, Eurydike und Orpheus, Daphne bei ihrer Verwandlung. Die etwa sechs Zentimeter großen Spielsteine setzen die Reihe fort. Wer ein solches Brett jungen Menschen in die Hand gab, gab einen Tugendkanon mit.
Gefertigt haben es 1537 Hans Kels der Ältere und sein Sohn Hans Kels der Jüngere; die Familie stammte aus Kaufbeuren und war auf Holzintarsien spezialisiert. Die Vorlagen lieferte der Maler Jörg Breu der Ältere. Das Programm stammt von Georg Hörmann, einem Kaufbeurer Patrizier, der für die Fugger die Silberbergwerke in Schwaz in Tirol leitete und Ferdinand I. so nahestand, dass ihn der König zu seinem Rat ernannte. Als Geschenk für Ferdinand war das Brett gedacht, und in den Inventaren wird es später auch in dessen Besitz greifbar.
Aus einem Gesellschaftsspiel wird ein Denkmal in Kleinformat. Es sollte nicht Zeit vertreiben, sondern Zeit überdauern – ein Spielbrett gegen die kaiserliche Angst, vergessen zu werden.
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